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Moving on

~ Man muss immer tun, was man nicht lassen kann.

Moving on

Monatsarchiv: Januar 2015

Neulich im Zootheater

26 Montag Jan 2015

Posted by anette quentel in Beobachtungen, People & Places, Zootheater

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Anette Quentel, Blog, Theater

Ja, ich weiß, „Zootheater“ ist ein wenig despektierlich, denn eigentlich heißt die Bühne ja mittlerweile „Fritz Rémond Theater im Zoo“. Aber hier in Frankfurt weiß jeder sehr genau, was mit „Zootheater“ gemeint ist, also bleibe ich dabei.

Am Freitagabend habe ich mir mit einem Freund „Ziemlich beste Freunde“ angesehen. Vorletzte Vorstellung nach durchweg guten Kritiken. Dementsprechend hoch waren unser Erwartungen, zumal uns der Film begeistert hatte und wir sehr gespannt waren, wie sie den Stoff auf der Bühne umsetzen würden.

Der Ticketkauf war fast schon ein Theaterstück für sich. Weil ich ahnte, dass es voll werden würde, habe ich mit einer Woche Vorlauf geplant. Ich kaufe Tickets immer online, ein Service, den auch das Zootheater bietet. Dumm nur, dass man sich hier die Plätze nicht aussuchen kann. Man bucht eine Kategorie und muss sich dann darauf verlassen, die besten verfügbaren Plätze dieser Kategorie zugeteilt zu bekommen. Bei irgendetwas nicht die Wahl zu haben, ist für mich ja immer suboptimal, und woran genau die Güte der Plätze gemessen wird, weiß man leider auch nicht. In diesem Fall kam erschwerend hinzu, dass ich zunächst nur ein Ticket gekauft hatte und jetzt ein zweites brauchte. Zwei Menschen, die miteinander ins Theater gehen, möchten in der Regel nebeneinander sitzen. Das geht bei diesem Online-System natürlich nicht. Also rief ich direkt im Theater an. Da wird doch sicher was zu machen sein, dachte ich…

Die Dame offenbar sehr im Stress. Jedenfalls fehlt ihr die Zeit, mich aussprechen zu lassen. Ich begann mit dem Hinweis, dass ich ein Ticket online gekauft hatte und gerne ein zweites hätte … wurde aber sofort unterbrochen. „Also mit dem Indenet, da hab‘ isch ja ma gar nix am Hut, und außerdem is‘ heut‘ sowieso alles ausgebucht“. Das war nicht meine Frage. Ich wollte ein Ticket für die folgende Woche und zwar für einen der Plätze neben mir. Zu diesem Zeitpunkt war ich leichtfertigerweise noch davon ausgegangen, irgendwo mittendrin zu sitzen. Nach zwei weiteren Anläufen war meine Botschaft angekommen. „Ei, dann muss isch halt ma‘ gugge – eigendlisch hab‘ isch ja grad‘ gar kei‘ Zeit für so ebbes – also wo sitze‘ Se jetzt?“

Wie sich herausstellte, war für mich ein Platz in der letzten Reihe der von mir gebuchten 1. Kategorie ganz außen vorgesehen. Hmm, das war also gestern der „beste verfügbare Platz“ gewesen. Kann sein, kann nicht sein. Wie sich außerdem herausstellte, gab es mittlerweile in meiner Kategorie gar keine Plätze mehr, wohl aber noch einen einzelnen Sitz drei Reihen dahinter. „Aber mittisch is des au‘ net.“ Gut, wir wollten das Stück sehen, von wo aus auch immer: Also dann eben jener einzelne Sitz. Angesichts der offenkundigen Hektik im Kassenbüro habe ich dann noch nicht einmal gefragt, welchen Platz ich denn jetzt genau gebucht hatte. Und bevor sie mir das Ticket am Ende wieder wegnahm, habe ich der Dame dann auch noch versprochen, es spätestens eine Stunde vor Vorstellungsbeginn abzuholen. Als ich ihr noch einen schönen Tag wünschen wollte, hatte sie schon aufgelegt.

Ich war am Vorstellungabend also schon um sieben Uhr dort. Das Theater war noch ganz leer. Wie haben es wohl die anderen Ticketbewerber hingekriegt, nicht schon so früh da sein zu müssen? Persönliche Vorsprache vor Ort? Blumenbouquet? Pralinenschachteln? Diamanten? An der Kasse neben mir stand ein blonder Mann, den ich schon mal irgendwo gesehen hatte. Nach einem zweiten Blick die Erkenntnis: Das war Sigmar Solbach, die Hauptrolle. Ein Ticket musste er nicht kaufen, aber sich offensichtlich in eine Liste eintragen. Ob die Schauspieler hier wohl nach Anwesenheit bezahlt werden? Aber dann wäre er doch sicher nicht erst eine Stunde vor Arbeitsantritt aufgetaucht. Vielleicht war das auch gar keine Anwesenheitsliste, sondern die Pizzabestellung für die Pause, oder eine Unterschriftensammlung der Schauspielergewerkschaft … na, egal.

Auf meinem Spaziergang durch das Zooviertel – weil wir erst um Viertel vor acht verabredet waren, hatte ich ja massig Zeit – habe ich gleich mal gecheckt, ob der Koch des für nach der Vorstellung ins Auge gefassten Restaurants Leon d’Oro auch zu später Stunde noch bereit sein würde, seines Amtes zu walten (man kann ja nie wissen). Er war bereit!

Zurück im Theater war das Haus bereits knallvoll und ich wurde schon erwartet. Ein bisschen später dran zu sein als die meisten, hat aber den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass es keine Schlange an der Garderobe gibt. Der Großteil der Besucher tummelte sich bereits mit Sektchen in der Hand im Vorraum des Zuschauerraums. Eine bunte Gesellschaft: viele Paare, einige Gruppen und – anders als im Schauspiel, wo ich mich öfter auch mal alleine einfinde, ohne aufzufallen – kaum Einzelgucker. Zootheaterbesuch scheint ein Gemeinschaftsevent zu sein. Der Altersschnitt ist höher als im Schauspiel, und einige hatten sich richtig fein gemacht. Sogar das eine oder andere Cocktailkleidchen war auszumachen. Ein paar Damen kamen frisch vom Frisör und/oder hatten der Kosmetikindustrie offensichtlich einen ordentlichen Umsatz beschert. Aber es waren auch Jeans mit Löchern, H&M-Designteile und Plastikhandtäschchen mit Louis-Vuitton-Schriftzug auszumachen. Zootheater ist Kultur für alle.

Weil wir mächtig gespannt auf den zweiten Sitzplatz waren und die Vorstellung ohnehin schon in zehn Minuten beginnen würde, gingen wir gleich rein. Ach, eigentlich hätten wir es ja ahnen können. Der telefonisch georderte Platz war in der 8. Reihe ganz außen. Trotzdem schmunzelnd und in Erwartung „wahrer Bühnenkunst“ (so steht es auf der Webseite des Theaters) machten wir es uns auf unseren Einzelsitzen bequem. Neben mir saß ein kräftiger Herr, neben ihm seine ebenso kräftige Begleiterin. Ich platzierte mich mit einem freundlichen: „Guten Abend, ich bin heute Abend ihre Nachbarin“. Sofort mischte sie sich ins gar nicht intendierte Gespräch: „Na, vielleicht sollte ich das gleich mal ändern“. Sollte wohl witzig sein. Als ich leichthin antwortete: „Keine Sorge, ich bin ganz harmlos“, konterte sie mit: „Das sagen sie am Anfang alle.“ Hat wohl schlechte Erfahrungen gemacht, die Lady oder auch einfach nur einen etwas schrägen Humor. Ein Bonbon hat sie mir später trotzdem angeboten. Und nach einem zweiten Blick auf meinen Nachbarn halte ich eventuelle Sorgen ihrerseits auch für recht überflüssig – mal so unter uns gesagt.

Nachdem das Claus-Helmer-Band auf bewährt launige Art mittels eines kleines Hörspiels, bei dem es um die Schande eines Telefonklingelns während der Vorstellung geht, um das Ausschalten der Mobiltelefone gebeten hatte, ging es endlich los. Vorhang auf.

Das Bühnenbild: ein Salon mit stilvoller Tapete, aber quasi ohne Möbel. Alles andere hätte den Herrn Solbach als Philippe in seinem Monster von einem mundgesteuerten Rollstuhl auch arg in die Bredouille gebracht. Um das Ding zu manövrieren, braucht man Platz, und die Dimensionen stecken ja auch schon im Namen des Herstellers: Paravan – die Ähnlichkeit mit dem Wort Caravan ist sicher kein Zufall. Die ersten politisch unkorrekten Scherze und Kalauer über die Tatsache, dass Philippe nur seinen Kopf bewegen kann, waren ja noch ganz unterhaltsam, eben weil politisch inkorrekt, aber das hatte sich schnell überlebt und ging mir bald nur noch auf die Nerven. Die Rolle ist eine echte Herausforderung, weil der Schauspieler, um sich auszudrücken, nur Sprache, Kopf und Mimik hat. Herr Solbach machte davon aber so ausgiebig Gebrauch, dass ich spätestens nach einer halben Stunde gar keine Lust mehr hatte, ihm beim Grimassenschneiden und Extrembetonen zuzugucken und zu hören. Was für ein Unterschied zu der großartigen Darstellung des Philippe im Film. Daran, dass im Boulevard-Theater alles ein bisschen „größer“ und offensichtlicher gespielt wird, bin ich ja mittlerweile gewöhnt, aber dass das auch geht, wenn man auf Mimik und Sprache beschränkt ist, war eine echte (böse) Überraschung.

Der „ziemlich beste Freund“, gespielt von Peter Marton, war erheblich überzeugender, aber auch ihm war seine Rolle als Underdog nicht gerade auf seinen gestählten Leib geschrieben. Woher ich das mit dem „gestählt“ weiß? Nein, ich nutze hier nicht etwa irgendwelche Insiderinformationen. Als er irgendwann auf der Bühne sein T-Shirt lupfte, kam ein beachtlicher Six- bzw. Eight-Pack zum Vorschein. Weil diese Demonstration dramaturgisch nicht nötig gewesen wäre, frage ich mich zugegebenermaßen boshaft und mit einer gehörigen Portion „Neid der Besitzlosen“, ob er sich wohl hat vertraglich zusichern lassen, das Ergebnis seines sicher harten Trainings präsentieren zu dürfen, oder ob das eine Idee der Regisseurin war. Nein, ganz im Ernst, er hat die Rolle gut gespielt. Auch die übrigen Darsteller haben ihre Sache gut gemacht, darunter Kerstin Gähte als Magalie, was aber angesichts der Dominanz der beiden sehr großen Hauptrollen nicht wirklich ins Gewicht fällt. Die „Freunde“ bestimmen das Stück, und wenn einer der beiden nicht überzeugen kann, können die anderen das nicht herausreißen.

Trotzdem ging die Zeit bis zur Pause recht schnell vorbei und ja, ich habe auch ein paar Mal gelacht, vor allem in der ersten Viertelstunde. Im 2. Teil tauschten wir die Plätze. Ich landete wieder neben einem Paar, dessen weiblicher Teil mich fragte, wo denn meine „bessere Hälfte“ abgeblieben sei? Fragt man das so? Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, was und wie ausführlich ich ihr antworten soll, ging es weiter, aber andere Regungen als ein paar müde Schmunzler konnte mir die Inszenierung im 2. Teil nicht entlocken.

Insgesamt war ich einfach zu enttäuscht darüber, wie sehr die Bühnenfassung und ihre Umsetzung gegenüber dem Film abfielen. Nebenfiguren tauchten unnötigerweise kurz und unmotiviert auf oder wurden nur am Rande erwähnt. Beispielsweise war nach einer Stunde unvermittelt die Rede von Philippes Tochter, von deren Existenz man bis dahin gar nichts wusste. Über die sieben Fehlgeburten seiner verstorbenen Frau war vorher wohl gesprochen worden, von einer lebenden Tochter nicht. Die größte Schwäche der Inszenierung war aber, dass man sich nicht getraut hat, ernste und traurige Momente zuzulassen, die diesen Stoff ausmachen. Alles wirkte aufgesetzt komisch, pseudo-leicht, war bewusst flach gehalten und auf Biegen und Brechen auf lustig getrimmt. Vom feinen Witz der Vorlage keine Spur. Das ist sehr schade und wäre anders möglich gewesen. Und ganz nebenbei hätte irgendjemand Herrn Solbach mal sagen sollen, dass seine kleine Showeinlage beim Applaus (ein pantomimisches „Huch, ich kann ja Arme und Beine bewegen … und sogar aufstehen … na so was“) einfach nur albern war.

Vielleicht hat es die Theaterleitung nicht gewagt, ihrem sicher eher an Komödien gewöhnten Publikum eine andere Art von Humor anzubieten. Aber wenn man dieses Risiko nicht eingehen will, ist es besser, sich auf einschlägige Stücke zu beschränken, als einen tragikomischen Stoff seiner Tragik zu berauben.

Das Zootheater will „die Sinne beleben, zum Nachdenken und Amüsieren verführen“. So steht es auf der Webseite. Das mit dem Amüsieren gelingt hier oft und das mit dem Nachdenken zumindest manchmal. Bei „Ziemlich beste Freunde“ hat beides nicht funktioniert.

Das späte Essen im Leo d’Oro war übrigens sehr lecker.

Neulich im Fitnessstudio

21 Mittwoch Jan 2015

Posted by anette quentel in Fitnessstudio, People & Places

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Anette Quentel, Blog, Fitnessstudio

Nach längerer Zeit ausgeprägter Faulheit und anderer Prioritäten verbringe ich seit Weihnachten wieder öfter mal ein Stündchen oder zwei im Fitnessstudio. So auch letzte Woche. Mein Superstudio liegt über den Dächern der City, und vom X-Trainer aus hat man einen Blick über selbige gen Süden. Mit einem freundlichen Hallo gehe ich den Umkleideraum, alles in glänzendem Weiß und Dunkelbraun – sehr chic. Mein Gruß bleibt unbeantwortet, aber daran bin ich hier gewöhnt. Scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, an das ich mich aber niemals halten werde.

Neben den üblichen Kursen und Gerätschaften bietet das Studio unter anderem ein Schwimmbad (ebenfalls mit Blick über die City), kleine Holzkammern zum Passiv-Schwitzen und sargähnliche High-Tech-Trommeln, um sich bei Bedarf die Haut mit falscher Sonne zu verderben. Man kann Massagen buchen und es gibt einen Bartresen, wo Getränke, Eiweiß-Shakes und Schokoriegel verkauft werden, die ebenso wie die anderen angebotenen Proteinprodukte dem Freizeitsportler absolut nichts bringen, aber sehr lecker schmecken. Für meine mittlerweile knapp 95 Euro Monatsbeitrag bietet das Studio also alles, was das fitnesshungrige Herz begehrt – wie konnte es eigentlich passieren, dass ich die automatische Beitragserhöhungsklausel im Kleingedruckten überlesen habe? Aber ich schweife ab. Jetzt erst mal los auf’s Gerät; schließlich bin ich nicht zum Spaß hier …

Ich habe Glück. Es sind ein paar X-Trainer frei. Ich wähle mir einen mit Blick auf möglichst viele TV-Bildschirme, die hier zu siebt oder acht herumhängen, damit man sich beim Schwitzen nicht langweilt oder im besten Fall sogar vergisst, dass das was man gerade tut ziemlich anstrengend ist. Heute funktioniert das leider nicht. In den kleinen schwarzen Rechtecken flimmern nur Sportreportagen, Musikvideos und ein paar unsägliche Privatsender-Serien. Ich schau mich mal um, was ich eigentlich nicht sollte. Noch so ein ungeschriebenes Gesetz. Neben den Normalos, die aber wenig unterhaltsam sind, tummeln sich hier ein paar sehr bemerkenswerte Menschenexemplare.

Schräg vor mir zum Beispiel sitzen auf winzigen Fahrrädern zwei Vertreter der ziemlich dicken Mädchen und Jungs, die vor allem am Jahresanfang für maximal drei oder vier Wochen auftauchen und sich dann wieder in Luft auflösen, weil sie merken, dass Kuchen und Sahnesoße einfach mehr Spaß machen als Laufband und Foltergerätschaften. Vielleicht tue ich ihnen aber auch Unrecht. Vielleicht suchen sie sich einfach nur ein anderes Studio, weil sie hier besonders gefährlich leben. Die Studioleitung hat nämlich mittlerweile so viele Cardio-Geräte aufgestellt, dass ich meinem Schicksal jedes Mal danke, wenn ich den Weg zum Desinfektionsmittelspender und zurück zwischen all den ausgestellten Ellbogen und um sich schlagenden X-Trainer-Griffen lebend überstanden habe – und ich gelte gemeinhin als schlank. Die Lebensgefahr steigt überproportional zur Kleidergröße.

Lächeln muss ich über das putzige 1,60-Meter-Männlein, das tapfer mit wilder Hantel-Arbeit (max. 2 kg, wenn ich das richtig sehe) sein Napoleon-Syndrom bekämpft. Er guckt alle zwei Minuten an sich runter, ob man schon was sieht und blickt sich dann verlegen um, ob ihn jemand beim prüfenden Blick ertappt hat. Nein mein Kleiner, man sieht noch nix, und ja, ich habe Dich ertappt!

Die jungen schlanken Mädels in ihren Marken-Stofffetzen sind dagegen wirklich nett anzusehen. Da bleiben manchmal keine Fragen offen, sag ich Euch. Sie wirken so, als müssten sie eigentlich gar nicht hier sein, aber vielleicht täuscht das. Wahrscheinlich sehen sie nur so gut aus, weil sie hier sind. Mein Blick bleibt allerdings irritiert an einem etwas zu blonden Exemplar in einem Nichts von rosa Trägerhemdchen hängen, das sich ziemlich gefährdet über ihre beiden 300-Gramm-Silkonkissen spannt. Sie prüft alle zehn Minuten mit einem lila Handspiegelchen (ich sehe tatsächlich Swarovski-Steinchen blitzen), ob das Make-up noch in Ordnung ist und checkt zwischendurch mehrfach, ob sie auch gesehen wird – wird sie und nicht nur von mir.

Zwei Reihen hinter ihr spazieren nämlich zwei ältere, um Hüfte und Taille recht „kuschelige“ Herren auf ihren Laufbändern, die sie auf 4km/h gestellt haben. Das entspricht der Geschwindigkeit eines Stadtbummels. Der eine liest nebenbei die FAZ (offenbar mag er die TV-Programme auch nicht). Der andere, ebenso hals- wie haarlos, schafft es ob seiner unverhohlenen Begeisterung für die Handspiegelchen-Jongleuse kaum noch, mit dem Band Schritt zu halten. Er trägt ein dunkelblaues 3-Streifen-Outfit, und ich wette, darunter verbirgt sich irgendetwas aus weißem Feinripp. Jetzt hat er sich aber offenbar sattgesehen und wendet sich der Ecke mit dem „schweren Gerät“ zu. Auch ich gucke mal, was es dort zu Gucken gibt.

Ja, schon viel besser: Hier stehen nämlich die ganz durchtrainierten Zeitgenossen und -genossinnen, die jede Bewegung ihrer gestählten Körper im Spiegel kontrollieren und die Sache wirklich ernst zu nehmen scheinen – sehen schon toll aus diese austrainierten Jungs und Mädels, die scheinbar mühelos irgendetwas durch die Luft schwingen, das ich wahrscheinlich nicht mal 5 cm anheben könnte, ohne zur Lachnummer zu werden. Für mein bei diesem Anblick schwächelndes Selbstbewusstsein wäre es jetzt gut zu wissen, dass diese Prachtgestalten total hohl im Kopf sind, aber ich fürchte, die meisten sind es nicht. Ich stelle meinen X-Trainer rauf auf Stufe 15, erhöhe meine Geschwindigkeit und besinne mich auf den eigentlichen Zweck meines Besuchs. Auf dem zweiten Bildschirm von links läuft mittlerweile eine Reportage über Mittelamerika. Die schaue ich mir jetzt mal an.

Nach einer guten Stunde aktiven Schwitzens und Guckens, in der ich laut „Boardcomputer“ 540 kcal verbrannt habe, vollbringe ich auch diesmal das Wunder, unversehrt dem Cardio-Geräte-Dschungel zu entkommen. Gen Dusche strebend passiere ich wieder den Tresen. Die Barhockergesichter kenne ich mittlerweile schon. Das eine oder andere davon habe ich in den sechs Jahren meiner Mitgliedschaft noch nie auf einem der Geräte gesehen … die frönen offensichtlich einem anderen Sport.

Zurück in der Kabine treffe ich auf ein Dutzend halb oder ganz nackter Frauen aller Formen und Größenklassen, die sich in Kleingruppen oder zu zweit intensiv über ihr Privatleben austauschen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ihnen jeder zuhören kann. Was man da so alles erfährt …. aber das ist ein Thema für sich, über das ich demnächst mal etwas schreiben werde. Ich steige also schweigend unter die Regenwald-Dusche, packe meine Sachen zusammen (sehr langsam, weil die Musik aus dem Lautsprecher gerade so schön ist) und mache mich mit einem fröhlichen Tschüss auf den Weg zurück ins richtige Leben und an meinen PC. Antwort kriege ich keine. War ja klar, aber ich gebe nicht auf, niemals 😉

Neulich auf der Konstabler

13 Dienstag Jan 2015

Posted by anette quentel in Beobachtungen, Konstabler Wache, People & Places

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Anette Quentel, Blog, Konstabler

Samstag, 10. Januar 2014. Es ist noch Winter, aber das Wetter fühlt sich an wie Frühling: 12°C, ein warmer Wind, Sonne-Wolken-Mix. Was also spricht dagegen, heute der eigentlich den Monaten März bis Oktober vorbehaltenen lieben Gewohnheit des samstäglichen Weinchens nach dem Einkauf auf dem Konstabler Markt nachzugehen? Nichts! Also stehe ich nach dem Kauf tierpolitisch völlig korrekter Beine von ehemals glücklichen, aber heute trotzdem toten Maishähnchen in zweiter Reihe am großen Weinstand – dem mit den guten Rieslingen. Offensichtlich und wenig überraschend bin ich nicht die einzige, der es warm genug ist, um im Freien Wein zu trinken.
Mein Lieblingsriesling (Kalkstein) ist aus, aber es gibt eine Alternative: Kalkmergel – ok, den nehme ich. Mit meinen Hähnchenbeinen in der einen Hand, dem großzügig eingeschenkten Glas in der anderen, einem etwas überdimensionierten Blumenstrauß unter dem Arm und meiner ebenso überdi-mensionierten Handtasche über der Schulter (man weiß ja nie, was man auf der Reise durch die City so alles braucht) kämpfe ich mir einen Pfad durch jene, die schon früher auf die Idee gekommen sind, hier Halt zu machen.
Gefühlte 27 „‘tschuldigungs“ später habe ich ein freies Plätzchen an einem der Stehtische gefunden und richte mich erst Mal ein: Die Geflügelbeine versenke ich in der Handtasche, diese unter dem Tisch, der Blumenstrauß wird obendrauf platziert, wo er auch gleich die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf sich zieht, der die Unversehrtheit seines Prosecco-Glases gefährdet sieht. Als er merkt, dass ich beim ersten Wein bin, also meine Feinmotorik noch einwandfrei funktioniert, ist er beruhigt und wendet sich wieder seinem Freund zu, um diesen erstmal intensiv zu küssen. Ich wende mich diskret ab und meinen Nachbarn zu, einem jungen Paar, das über zwei Apfelweinen über die Pegida redet.
Sie beunruhige das nicht besonders, meint sie lieb lächelnd, das sei doch eine Randgruppe, die bald wieder verschwände. Er ist eindeutig anderer Meinung, beschließt aber, das jetzt nicht auszudisku-tieren. Wahrscheinlich fürchtet er um den Wochenendfrieden. Ich werfe ihm einen mütterlich-verständnisvollen Blick zu, auf den er mit einem fast unmerklichen Schulterzucken reagiert, und beäuge die anderen Leute am Tisch – ich habe einen der beiden großen erwischt, an dem mit etwas gutem Willen gut zwölf Personen ein Stehplatz finden. Als erstes bleibe ich an einer Dreiergruppe hängen: ein Paar, etwa Mitte dreißig, begleitet von einem Mann, etwa vierzig, der, während er sich mit seinen Freunden unterhält, durch die Gegend guckt. Wartet er auf jemanden oder ist er auf der Suche nach Blickkontakt? Aus reiner Neugier teste ich das mal und lächle ihn an. Er lächelt zurück und berichtet kurz später, sich immer wieder vergewissernd, dass ich auch wirklich zuhöre von seiner Morgentoilette. Er habe sich heute Morgen die Haare gekappt und ihn die Abschnitte würden ihn jetzt noch überall kitzeln. Will ich das wissen? Nicht wirklich. Ich versuche, meine Mimik unter Kontrolle zu halten. Der Mann hat eine ausgeprägte Stirnglatze, der klägliche Rest auf seinem Kopf ist auf 2mm herunterrasiert (offenbar das Ergebnis des morgendlichen Verschönerungsversuchs). Die Bemerkung, dass andere Menschen mit dünnen Haaren viel Geld für „Schütthaar“ ausgäben, verkneife ich mir. Ich glaube, ich will mich heute nicht unterhalten, nur gucken und lauschen.
Unterdessen dringt das laute Organ einer stark geschminkten Frau mit Prada-Brille, falschem Nerz und sehr großen Ringen an den Händen (irgendetwas zwischen Mitte Fünfzig und Mitte Sechzig) zu mir durch. Sie steht mir gegenüber, offenbar mit ihrem Mann/Partner, einem befreundete Paar und ihrer Mutter (Familienähnlichkeit). Und sie ist so laut, weil Mom schwer hört. Ihr Partner wirkt ein bisschen gequält, die Freunde betont freundlich. Entweder war Mom heute nicht eingeplant, oder die bunte Dame nervt. Sie plappert von französischem Champagner, der kaum besser sei als der Prosecco hier (na ja …) sowie davon, dass es ja in 14 Tagen endlich in den Urlaub geht und setzt dazu an, von Sylvester zu berichten …blah-blah-blah. Ich blende sie aus und will weiterschauen, als sich eine kleine mollige Frau in einem noch molliger machenden Parka in die winzige Lücke zwischen dem Männerpaar und mir quetscht. Gezwungenermaßen, weil ihrem halbgegessenen Steakbrötchen ausweichend, wende ich mich ihr zu. Anders als ich hat sie offenbar große Lust, sich zu unterhalten und ich jetzt keine Chance mehr, ihr zu entgehen. „Wenisch Stände heut hier, net? Aber irgendwann müsse die ja au‘ mal Urlaub mache – die liesche bestimmt auf Hawaii am Strand und gebbe des viele Geld aus, des sie bei deene horrende Preise hier verdiene … also isch kaufe ja nett immer nur Bio, is alles viel zu deuer, aber neulisch, da hab ich ma Gadoffeln gekauft mit noch Erde dran, die habbe viel länger gehalte als die vom Supeemarkt … Isch bin mit meinem Sohn hier, der geht so gerne auf Mäkte – ei, wo ist der eichentlisch ….ach da isser ja.“ Ein hochgewachsener Mann schlendert auf uns zu, der irgendwie nordafrikanisch und wenig begeistert aussieht. „Hast Du was zum Esse gefunne, Schatz?“ fragt sie. „Ach, denn schau doch einfach noch ma. Des Steak is heut nett so gut, zu dünn geschnitte, die spare aber auch an allem.“ Der junge Mann verzieht sich. „Ja, also diese Gadoffeln, die wa‘n werklisch doll. Ach wissen Se, isch komm‘ ja net mehr so oft her, seitdem das isch in Dreieich wohn, aber die Mieten hier kann sisch ja auch keins mehr leisten …“ Irgendetwas in mir kann das Verschwinden des Herrn Sohn sehr gut nachvollziehen und ist neidisch auf ihn. Ich bleibe höflich, bin aber mächtig erleichtert, als sie nach zehn Minuten mit ihrem inzwischen wieder aufgetauchten Spross abzieht, wahrscheinlich in den nächsten „Supeemarkt“.
Als ich mich dem nächsten Grüppchen zuwenden will, trifft mein Blick den eines Mannes mit Hund und Helmut-Schmidt-Mütze, Alter zwischen 55 und 60 (Mann, nicht Mütze!), der mir bedeutet, ich solle lächeln. Was will der denn jetzt? Soll mich bloß in Ruhe lassen. Als ich die stumme und reichlich plumpe Kontaktaufnahme mit einem abschätzenden Grinsen quittiere, prostet er mir zu und wendet sich dann wieder seiner Töle und seinen drei Gesprächspartnern zu. Das war einfach.
Plötzlich fühle ich mich beobachtet. Ich folge dem Gefühl und entdecke am Nebentisch einen älteren Herrn in Lodenmantel und passendem Hut. Er steht mit ungerührter Miene da, vor sich einen Weißwein, und beguckt sich die Menschen – die männliche Ausgabe meiner selbst. Sofort lässt er den Blick weiterschweifen. Ich habe natürlich nicht das geringste Bedürfnis, ihn stumm zum Lächeln auf-zufordern, muss aber selbst schmunzeln, weil ich mich irgendwie ertappt fühle. Mittlerweile ist auch mein Glas leer. Weil mich ein zweites überfordern würde, packe ich meine Schätze zusammen und bahne mir den Weg zurück an die Theke, um das Leergut abzugeben. Schon meine Mom hat immer gesagt, man solle nicht andere Leute hinter sich herräumen lassen. Dabei komme ich an dem Mann mit Hund vorbei. Er raunt mir zu: „Ich hoffe, Sie kommen bald mal wieder“. Ob dieser Direktheit fallen mir als Reaktion nur ein spöttisches „Ja, sicher“, gefolgt von einem ungläubigen Kopfschütteln ein.
Für den heutigen Tag habe ich genug Menschen beguckt und belauscht. Ich ziehe mich zurück an den heimischen PC. Diese dreiviertel Stunde bietet ausreichend Stoff für einen Blogbeitrag.

Lass uns gute Freunde bleiben oder „Let me down easy“*

10 Samstag Jan 2015

Posted by anette quentel in (Zwischen)menschliches, Gute Freunde

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Anette Quentel, Blog

Schon mal gesagt oder gehört? Ich auch – sowohl als auch. „Gute Freunde bleiben“ … das klingt zunächst mal so, als würde sich gar nichts ändern. Und dennoch ist, sobald dieser Satz fällt, absolut nichts mehr wie es war. Er ist der Schlussakkord einer Liebe, die einer der beiden Beteiligten bis dato noch nicht als beendet betrachtet hat.

Warum sagen wir das dann? Weil es das Gewissen beruhigt? Ja, vielleicht auch das. Wer geht, weiß, dass er dem anderen wehtut, ob dieser das nun zeigt oder nicht. Das Freundschaftsangebot soll dem Abschied die Härte nehmen, die persönliche Verstauchung kühlen.

Ich wollte meine „Jungs“ immer wissen lassen, dass sie mir keineswegs egal waren, nur weil mir die Liebe abhandengekommen war, und dass sie nichts falsch gemacht haben. Sie waren immer noch die, in die ich mich irgendwann mal verliebt hatte, eben nur nicht mehr der richtige Partner für mich. Zudem war ich nie ein Fan von „Rosenkriegen“ (außer im Kino). Deshalb war mein „Lass uns Freunde bleiben“ auch Friedenszusicherung und Bitte um ein stressfreies Auseinandergehen. Mir stand weder der Sinn nach einer Diskussion der Schuldfrage noch nach dem Streit um den Toaster. Und ich wollte auch, dass sie an meinem Verhalten und meinem Umgang mit ihnen merken, dass es keine Hoffnung mehr gab. Bislang hat das immer funktioniert. Das ist aber vor allem den tollen Männern zu verdanken, die mein Angebot angenommen haben.

Das Freundschaftsangebot auszusprechen oder anzunehmen hat aber auch einen ganz praktischen Vorteil. Ich habe damit Lücken geschlossen, die jede Trennung reißt. Mit wem hätte ich denn Tennis spielen, Schränke aufbauen oder Theater/Kino/Oper besuchen sollen? Egoistisch? Nein, „win-win“, denn mit wem hätten denn die Jungs nach meiner Kündigung Tennis spielen, Schränke aufbauen oder Theater/Kino/Oper besuchen sollen?

Früher oder später haben wir natürlich alle jemand anderen gefunden, mit dem wir all dies (und vieles mehr) tun konnten. Und das ist gut so. Denn „Lass uns Freunde bleiben“ hieß für mich auch „Lass uns auf die sanfte Art auseinandergehen.“

Hinterfragt habe ich das erstmals, als ich selbst irgendwann das Angebot eines Übergans von der Liebe zur Freundschaft erhielt. Aus Sicht der Verlassenen, fühlte sich das plötzlich ganz anders an – degradiert und verschmäht. „Der spinnt ja wohl!“ so meine spontane Reaktion. Der Mann kann doch nicht ernsthaft glauben, dass ich ihm bei einer Pizza Geschichten aus meinem tristen Single-Leben erzähle, das er mir unfreundlicherweise beschert hat. Und er wird doch nicht etwa erwarten, dass ich ihn bei der Einrichtung seiner neuen Wohnung berate oder mir womöglich lächelnd anhöre, mit welch einer tollen Frau er dort einziehen wird – während ich in Einsamkeit meine Wunden lecke und ihn eigentlich nur zurückhaben will. „Warum sagt er sowas?“, habe ich mich gefragt. Um mich zu ärgern? Sicher nicht! Aus Mitleid? Nein danke! Gibt es noch Hoffnung? Quatsch, versteig Dich nicht in Illusionen!

Kurz und gut: Ich habe seine Hand ausgeschlagen und auf jeglichen persönlichen Kontakt verzichtet. Er hat ab und an angerufen, mir noch ein paar Mails geschrieben. Ich habe sie sehr kontrolliert und immer fröhlich beantwortet – bloß nicht zeigen, wie schlecht es mir geht. Die Nachrichten wurden immer seltener, enthielten immer belangloseres Zeug und irgendwann war Funkstille. Unterdessen war mein Leben voller Lücken, und häufig habe ich mich dabei ertappt, darüber nachzudenken, was er wohl tut, wie es ihm geht, wo er gerade ist, wen er trifft… Ich habe mich nächtelang in Spekulationen verstiegen, leise weinend und laut greinend nach Gründen für die Trennung gesucht, darüber nachgegrübelt, ob es doch noch Hoffnung gegeben hätte, mit mir selbst die Schuldfrage diskutiert, meinen Toaster an die Wand geworfen, abwechselnd ihn und mich gehasst, und mir Fragen gestellt, die nur er hätte beantworten können.

Erst als sich der erste Grind auf meinen Wunden gebildet hat und die blauen Flecken auf der Seele allmählich gelb wurden, ist mir bewusst geworden, dass er genau das gleiche getan hat, wie ich in früheren Fällen – und damit wahrscheinlich auch genau das gleiche wollte: Auf die sanfte Art auseinandergehen.

Noch heute tut es mir leid, uns diese Chance vermasselt zu haben, und ich bin seitdem umso fester davon überzeugt, dass ein „Lass uns Freunde bleiben“ der richtige Weg ist, voneinander Abschied zu nehmen.

*Song von Mick Hucknall auf der LP „American Soul“

Nizza zu dritt

06 Dienstag Jan 2015

Posted by anette quentel in Nizza 12/14, Reisen

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Anette Quentel, Blog, Nizza, Quentel

Montag, 29. Dezember 4:50 Uhr. Was für eine unchristliche Zeit – selbst für ein „Huhn“ wie mich, dem überzeugte Langschläfer eher suspekt sind. Nach einer extrem kurzen Nacht (Sind vier Stunden überhaupt schon mit gutem Gewissen Nacht zu nennen?) und den üblichen letzten Reisevorbereitungen wie Duschen, Kaffeetrinken, Heizung herunterregeln und Müll wegbringen, mache ich mich gegen sechs Uhr auf den Weg nach Nizza, zu einem dreitägigen Kurztrip, um mich mit Freunden zu treffen. Das Taxi passiert den Irish Pub an der Kurt-Schumacher-Straße, dessen offene Tür nicht nur den Blick auf einen sehr furchtbaren in psychodelischen Farben blinkenden Plastikweihnachtsbaum freigibt, sondern auch den Blick auf einen jungen Mann freigibt, der mit einer seltsam aufrechten Kopfhaltung und undefinierbarem Blick seinem Kumpel an der Theke mit einer klaren Flüssigkeit zuprostet. Form und Größe des Glases lassen nicht auf Wasser schließen. Ob sie wohl die Restgäste des gestrigen Abends oder die Erstgäste des heutigen Morgens sind? Egal: „Prost Jungs!“ In der Berliner Straße steigt Ralf zu mir ins Taxi, dessen Flieger zur gleichen Zeit startet wie meiner nach Nizza – ein purer Zufall, der uns den halben Taxipreis sparen lässt.

Es schneit leicht, die Straßen sind fast leer. In der vorüberquietschenden Straßenbahn sitzt eine einzige Frau. Sie sieht müde aus. Ich sicher auch, aber mittlerweile fühle ich mich hellwach. Im Radio laufen die Nachrichten. Irgendwo ist ein Flugzeug abgestürzt – ein beruhigender Gedanke, auch wenn es mir für die Familien der Opfer leidtut. Beruhigend, weil noch nie zwei Flugzeuge an einem Tag abgestürzt sind. Der Flughafen präsentiert sich noch im Weihnachtskleid. Alles glitzert und tönt besinnlich. „Weihnachten wird überbewertet“, hat mir kürzlich ein Freund geschrieben – von wem, frage ich mich. Entweder man ist ein Fan und freut sich auf die Zeit, oder man weiß von vorneherein, dass es stressig oder auch öde wird. Mein Weihnachten war vornehmlich einsam und ziemlich langweilig, aber das habe ich vorher gewusst,  und ich habe es überlebt.

Ralf und ich sind ein bisschen zu früh dran, weil zu dieser Zeit am Flughafen noch nichts los ist und sich unsere Erwartung langer Schlangen erfreulicherweise nicht erfüllt. Also trinken wir noch einen Kaffee zusammen. Unsere Gates liegen fast nebeneinander. Dann geht jeder seines Wegs. Hat durchaus etwas Symbolhaftes und wäre eine gute Schlussszene für einen Film ohne Happy End. Trotzdem lächelnd mache ich mich auf den Weg zum Flieger und erhasche beim Einsteigen einen Blick ins Cockpit. Der Pilot ist sehr jung, hat einen kahlen Kopf und große abstehende Ohren. Sicher hat er seine Karriere als Segelflieger begonnen. Der Mittelgang im Flieger ist verstopft, und bis man mich bis zur Reihe 19 durchgeschoben hat, gibt es keinen Platz mehr in den Gepäckfächern. Ich stehe ein bisschen ratlos herum, schiebe lustlos ein paar fremde Jacken hin und her, halte so die ganze Schlange hinter mir auf (erste knurrende Laute sind zu vernehmen) und wende mich dann an einen weiblichen Engel der Lüfte, der mich seit drei Minuten untätig beobachtet. Vielleicht ist sie einfach nur müde, was ich angesichts der Zeit durchaus verstehen kann, aber so müde, dass sie mein Koffer-Unterbringungsproblem nicht erkannt hat, kann sie eigentlich nicht sein. Also werte ich es mal als Unlust – soll vorkommen. Auf meine ausdrückliche Bitte um Hilfe hin bewegt sie sich mit routinierter Grazie auf mich zu und bequemt sich tatsächlich, ein bisschen Platz im Gepäckfach zu schaffen – lustlos, wusst‘ ich’s doch. Mein „Danke“ wird mit einem professionellen „gerne“ quittiert, das sich auch in Restaurants zunehmend breit macht und mir allmählich ganz schön auf den Senkel geht. Hin und wieder verwirre ich die Gerne-Roboter mit der Frage „Wirklich?“, was häufig lustige Reaktionen auslöst. Hochheben muss ich den Koffer selbst. Vor zwanzig Jahren wäre mir sicher irgendein junger Mann helfend zur Seite gesprungen. In zwanzig Jahren wird das wieder so sein, wenn auch aus anderen Gründen. Bis dahin stemme ich meine Koffer halt allein.

„Abflug um 7 Uhr 30“ stand überall, aber das war eine glatte Lüge. Zuerst galt es, die Fliegerflügel zu enteisen, was etwa 30 Minuten dauerte, dann war kein Abflug-Slot frei, was weitere 15 Minuten kostete. Dann endlich in der Luft. Als Snack gab es wahlweise Joghurt oder Sandwich – habe beides abgelehnt und mich auf einen Plastikbecher totes Wasser beschränkt (das gestrige Dinner im Hessischen Hof war reichhaltig). Nach etwa einer Stunde gab es heftige Turbulenzen, die der einen oder anderen Passageuse einen kleinen Kiekser entlockten – très charmante.

Nach einer unspektakulären Landung begrüßen mich ein himmelblauer Himmel, sehr sonniger Sonnenschein, Segelboote vor der Küste, Palmen an der Promenade, alles in einen goldenen Farbton getaucht: Wintergold. Südfrankreich, wie man es sich vorstellt, allerdings in einer ziemlich kalten Ausführung.

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Es herrschen gefühlte 5°C. Ich werde in einem ziemlich neuen und ziemlich großen schwarzen Mercedes die Küste entlang in gen Hotel chauffiert – von einer jungen Frau, die mich auf Französisch anspricht (wie auch sonst; wir sind in Frankreich). Ich höre mich auf Französisch antworten und staune über mich selbst. Die Sprache fühlt sich zugleich fremd und vertraut an. Die Karosse ist überheizt, aber die Kleene trägt einen von diesen Michelin-Männchen-Mänteln, in denen man selbst mit Größe 34 wie eine Tonne aussieht. Ich mache irgendeinen Scherz, den sie offenbar versteht und der sie zum Lachen bringt. Mein Lachen findet hingegen ein jähes Ende, als sie mich nach etwa 3km Fahrt vor dem Hotel West End abliefert und mir dafür 40 Euro abverlangt. Das sei unüblich teuer, meint kurz darauf auch der nette etwas zu kurz geratene Silvio am Empfang im Hotel. Hmmm, vielleicht hätte ich nicht das Designermäntelchen anziehen sollen. In so etwas wirkt man wohlhabender als man ist. Monsieur Silvio hat für mich die Mitteilung, dass mein Zimmer erst um 15 Uhr fertig sein wird, was ich mit einem kurzen gut gesteuerten Stirnrunzeln, gefolgt von einem duldenden Lächeln hinnehme. Er registriert natürlich, dass mir das nicht gefällt. Dann kommt wieder diese Frage, die ich irgendwie nicht mag: „Sie reisen alleine, Madame?“. Meine Antwort: „Oui, malheureusement.“ (zu Deutsch „unglücklicherweise ja“) scheint Mitleid zu erwecken – muss ich mir merken. Er telefoniert kurz und organisiert mir ein Zimmer, das schon bezugsbereit ist, und begleitet mich noch rauf in eine für deutsche und andere europäische Verhältnisse winzige Stube. Zum Glück bin ich nicht voluminös. Angesichts der Enge empfinde ich es für einen Moment als ganz angenehm, dass Madame allein reist ….

Jetzt mache ich mich auf den Weg zu Christian und Jon, die im Negresco-Prachtbunker nebenan wohnen, und mir schon eine SMS geschickt haben, wo ich denn bleibe…

Immer noch Montag, 29. Dezember, aber nicht mehr lange Am Nachmittag sind wir an der Promenade entlang und dann in der Altstadt herumspaziert. Viele lächelnde Menschen. Alle wirken entspannt. Zu sehen gibt es eine Unzahl kleiner Lädchen mit mehr oder weniger interessantem Angebot, aber auch viele schöne kleine Plätze und tolle alte Häuser. Die Verkäufer sind überhaupt nicht aggressiv, sondern warten bescheiden auf Kundschaft. Ganz anders die Gästeeintreiber der Restaurants. Ich erklärte etwa 12 Mal in mindestens drei Sprachen, dass wir schon gegessen haben. Das war zwar gelogen, aber ein Totschlagargument. Chris und Jon haben einen Kühlschrankmagneten mit ihrem Hotel drauf als Souvenir erstanden. Mir war nicht nach Andenken-Shopping, bin ja gerade erst angekommen und wer weiß: Vielleicht möchte ich mich ja später gar nicht an die drei Tage hier erinnern. Von der Altstadt aus haben wir uns den Colline du Chateau hinauf gearbeitet, den Hausberg von Nizza, der einen Park und viele schöne Aussichten bieten soll (viele Treppen). Auf dem Weg nach oben ein kurzer Abstecher auf einen jüdischen Friedhof. Es war ganz still und schön schaurig. Die Toten werden hier nicht unbedingt in der Erde sondern häufig in marmornen Gruften aufbewahrt, was den Friedhof fast wie eine kleine Stadt wirken lässt. Auf vielen Gruften stehen Fotos. Wenn man sie eine Weile anschaut, bekommt man fast das Gefühl, man hätte den oder die Verstorbene(n) gekannt, und trauert ein bisschen mit.

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Nach einer Viertelstunde zogen wir weiter in Richtung Hügelkuppe, wo tatsächlich viele tolle Ausblicke aufs Meer, die Stadt und den Hafen warteten. Mittlerweile war es so warm, dass ich mich von etwas Stoff befreit (nur an den Schultern, versteht sich) und ein kleines Sonnenbad genommen habe – unter einem unverschämt blauen Himmel und bei einem guten Cappuccino vom Kiosk. Die Buben haben ein bisschen gespottet, aber das macht nichts.

Auf dem Rückweg dann die Beinahekatastrophe. An einem Aussichtspunkt erreichte mich die SMS von Simone, die sich erkundigte, ob ich noch vor dem großen Schnee aus Frankfurt herausgekommen sei. Ich habe ihr direkt geantwortet und mein iPad solange auf einer Mauer geparkt. Die Jungs waren schon vorweg gelaufen, so dass ich mich beeilt habe, um sie nicht warten zu lassen. Nach dem Abstieg (wieder viele Treppen) sind wir in einem französischen Restaurant in der Altstadt gelandet, das hausgemachte Foie Gras (tierpolitisch absolut inkorrekt, aber in der Regel sündhaft gut) und verlockende Desserts anbot – zwei gute Gründe zu bleiben. Kurz nach der Bestellung griff ich nach dem iPad, um nachzusehen, was ich so alles fotografiert habe – allein der Griff ging ins Leere. Das iPad war weg! Es folgte zunächst die übliche wilde Durchsuchung meiner Monsterhandtasche, in deren Tiefen so ein Gerät schon mal verloren gehen kann – diesmal leider nicht. Dann haben wir rekonstruiert, wann ich es das letzte Mal in der Hand hatte. Ergebnis: am letzten Aussichtspunkt.

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Ich hatte das kostbare Endgerät offenbar auf der Mauer liegengelassen. Chris meinte, ich könne mein weiß-goldenes Prachtstück getrost vergessen und fing an zu überlegen, über welche meiner Versicherungen man das abwickeln kann. Ich meinte aber, es gäbe so viele ehrliche Menschen auf der Welt. Vielleicht habe es ja jemand gefunden und irgendwo abgegeben. Jon hielt das für unwahrscheinlich, aber nicht für ausgeschlossen. Chris lächelte mitleidig, aber keiner hielt mich davon ab, den Haushügel ein zweites Mal zu besteigen (also nochmal viele Treppen). Als ich atemlos am Mäuerchen des Vergessens ankam, war natürlich nichts mehr zu finden. Nächste Station: der nahe Kiosk. Auf dem Weg dorthin stürzte ein etwa zehnjähriger Junge beflissen auf mich zu und fragte auf Deutsch, ob ich vielleicht mein iPad suchte. Ich sähe ein bisschen verzweifelt aus. Auf mein eifriges Nicken führte er mich zu seinem Vater, der berichtete, Holländer hätten mein Ei-Teil gefunden, den deutschen Spruch auf der Rückseite gelesen und ihn gefragt, ob es vielleicht seines sei. (An dieser Stelle bitte ich höchst offiziell alle Einwohner der Niederlande für meine vielen lästerlichen Bemerkungen über Wohnwagen, Käse und Heringe um Verzeihung.) Er habe das iDing dann im Restaurant auf der Spitze des Hügels abgegeben. Dort dort angekommen gab es mir die Kellnerin mit deutlichem Bedauern zurück – sehr verständlich, denn wenn ich nicht aufgetaucht wäre, hätte sie ein neues iPad gehabt. Glück gehabt, viel Organisationskram und eine Menge Geld gespart!

Das Beste an der ganzen Geschichte ist aber der Beweis, dass es tatsächlich noch ehrliche Menschen gibt. Zurück im Restaurant am Fuße des Hügels war Chris einigermaßen erstaunt und ich sehr glücklich. Seltsam, dass es glücklicher macht, etwas zurückzubekommen, dass man verloren geglaubt hat, als es gar nicht erst zu verlieren.

Wir haben dann mittelmäßig gut gegessen und uns gegen vier Uhr auf den Weg zurück zu den Hotels gemacht. Chris hatte sich die Hose mit der leider etwas zu fetten Foie Gras eingewutzt und wollte schleunigst aus ihr raus. Für später haben wir uns zu einem Gin Tonic bei Sonnenuntergang in einer kleinen Open-Air-Bar am Strand verabredet, die im Sommer bestimmt total überlaufen ist. Heute waren wir die einzigen Gäste. Am Strand schlenderten ein paar Unverzagte herum, die sich von Temperaturen von etwa 7° nicht ihre Lust an Meer und Strand vermiesen ließen, und ein paar Angler wurden in der untergehenden Sonne allmählich zu Scherenschnitten. Ja, ich weiß, eigentlich sehen alle Sonnenuntergänge gleich aus. Aber alle sind schön. Und sie sind voller Hoffnung, weil man sich sicher sein kann, dass die Sonne niemals für immer geht.

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Als uns kalt wurde, sind wir eine Stunde durch die Stadt gelaufen und haben am Bahnhof gecheckt, wann Züge nach Monaco fahren. Chris will da morgen unbedingt hin. Bei meinem letzten Besuch fand ich es dort „unspektakulär bis hässlich“, aber ich fahre trotzdem mit. Er hat einen Contest mit einem Kumpel laufen, wer die meisten Länder bereist. Bei ihnen gilt Monaco als Land.  Als Beweis zählen einschlägige Fotos. Ich bin sicher, es wird ihm dort auch nicht sonderlich gefallen, aber das gehört zu den Dingen, die man selbst erfahren muss.

Den restlichen Abend haben wir bei Weißwein, korsischem Käse und Schinken in einer Weinbar am Rande der Altstadt verbracht. Es gab leckeren Sancerre für ein unverschämtes Geld, aber egal. Mein Hotel war ja relativ günstig. Seit elf bin ich wieder in meiner Puppenstube (ziemlich nüchtern, aber todmüde nach der vielen Herumrennerei), und habe feststellen müssen, dass die hier ziemlich gut heizen und man die Temperatur nicht selbst regeln kann. Wegen der bitteren Kälte ist ein offenes Fenster allerdings keine Option, weil mir sonst vermutlich der Tod durch Erfrieren droht. Also: Fenster zu und auf der Decke schlafen.

Dienstag, 30. Dezember, 7 Uhr 30 Das mit dem Einschlafen ging ratzfatz, zumal es hier nur französische Fernsehsender gibt, und ich mich sehr anstrengen muss, um der Handlung zu folgen. So toll ist mein Französisch nämlich doch nicht mehr, wie ich nach dem gestrigen ersten Überschwang schnell gemerkt habe. Trotzdem macht es Spaß, ein paar Tage dreisprachig zu kommunizieren. Jon spricht kein Deutsch, so dass wir zu dritt immer Englisch reden. Wenn er kurz weg ist, sprechen Chris und ich natürlich Deutsch, und mit den Franzosen hier versuche ich es auf Französisch.

Nach einem wie immer ziemlich furchtbaren Instantkaffee, den mir das Hotel nebst Wasserkocher gratis zur Verfügung stellt, warte ich jetzt auf den sicheren Sonnenaufgang, den ich sogar von meinem Bett aus bewundern kann. Das Hotel liegt an der Küstenstraße, die sich gerade belebt, und an der Promenade sind schon die ersten Jogger unterwegs (das sollte mir mal einfallen). Nachher brauche ich wohl die Hilfe von Silvio von der Rezeption. Der wunderbar antike Safe ist so sicher, dass ich ihn nicht mehr aufbekomme. Ich bin aber überzeugt, dass mir geholfen werden kann. Der Raucherin in mir ist hier hingegen gar nicht zu helfen, weil im Hotel Rauchverbot herrscht und mein „Balkon“ ein „französischer Balkon“ ist, also eigentlich gar keiner, sondern ein halbhohes Gitter vor dem bodentiefen Fenster. Macht nix – nicht rauchen ist auch ok.

Zur Abwechslung mal ein Sonnenaufgang ... aus dem Zimmerfenster

An der Kundenfront ist es ruhig, obgleich doch gestern ein Arbeitstag war. Wahrscheinlich geht es erst in der nächsten Woche wieder richtig los. Ob die alle in Nizza sind? Die Stadt und die Promenade sind am Tage nämlich brechend voll.

Um viertel nach acht kommen die Buben zu mir ins Hotel zum Frühstücken.

Dienstag, 30. Dezember, 23 Uhr Der Kellner hat heute Morgen ein bisschen seltsam dreingeblickt, als ich ihm sagte, die beiden Herren seien meine Gäste – einen Penny für seine Gedanken ….

Nach der Stärkung an einem Buffet, das abgesehen von der Tatsache, dass es Rühreier aus dem Tetrapack gab, keine Wünsche offen ließ, machten wir uns auf den Weg nach Monaco. Der 2,8km² kleine Stadtstaat mit seinen etwa 37.000 Einwohnern, von denen ungefähr 80% auf Nicht-Monegassen entfallen, ist in den letzten Jahren nicht schöner geworden. Ein Haus neben steht dem anderen und es gibt viele Autos (darunter allerdings ein paar wirklich schöne Exemplare, die man selten sieht), deren Fahrer die Verkehrsregeln frei interpretieren. An unserer ersten Station (Hotel de Paris und Casino) schoss Christian gleich mal die Beweisfotos für seinen Kumpel.

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Dann sind wir das Küstensträßchen entlang nach unten an den Hafen gelaufen, um festzustellen, dass Weihnachten hier etwas länger dauert als üblich. Der Weihnachtsmarkt war noch in vollem Gange – eine spannende Sache für Jon, der Philippine ist und in Singapur lebt. Auf dem Weg haben wir mal einen scheuen Blick auf die Immobilienangebote geworfen und festgestellt, dass wir uns selbst dann kein 50m²-Appartment in Bestlage leisten können, wenn wir alle unsere Rücklagen zusammenwerfen würden. Macht aber gar nichts. Hier würde eh‘ keiner von uns wohnen wollen. Die Tatsache, dass es auf dem Weihnachtsmarkt zwar keine Mohrenköpfe gab, aber dafür einen Stand, der flaschenweise Champagner verkaufte, und das Snackangebot an Austern mit Chablis hat uns in dieser Meinung nur bestärkt. Glühwein gab es aber auch, und den haben wir gekostet – war lecker.

Hier will keiner wohnen

Mit ein bisschen Überredung ist es mir dann gelungen, die Buben, für einen Aufstieg in die Altstadt und zum Grimaldi-Domizil zu gewinnen. Sie haben zwar etwas gemurrt, waren dann aber froh, die sportliche Einlage ertragen zu haben. Enge Gassen gibt es hier zwar auch, aber die sind pittoresk und nett anzusehen. Wenn man sich hindurchgezwängt und allen Andenkenverlockungen wiederstanden hat, wird man mit einem tollen Ausblick belohnt. Nach einer kleinen Stärkung haben wir (auf Wunsch von Chris) einen Abstecher zum Grab von Gracia Patricia gemacht.

Belichtungsfehler

Dann haben wir uns das Ozeanographische Museum vorgenommen. Christian ist begeisterter Taucher. Zu sehen gab es unter anderem auch sehr große Aquarien (wenn auch nicht so große wie in Barcelona) mit fast allem, was das Meer so an Lebendigem zu bieten hat. Meine persönlichen Highlights waren das Quallen-Aquarium und der „Steichelzoo“, wo ich Baby-Haie anfassen konnte. Die waren regelrecht verkuschelt die kleinen Dinger und gebärdeten sich unter meiner Hand fast wie kleine Hunde – nur dass man hinterher nicht nach Hund riecht und auch kein Fell an den Klamotten hat. Vielleicht sollte ich mir einen Hai zulegen. Leider hatten die Herrchen und Frauchen der Haie irgendwas ins Wasser gekippt, das meine Haut gar nicht mochte. Meine Hände schwollen rot an und brannten ordentlich. Das ging aber schnell vorüber und trübt die Erinnerung keineswegs.

Zauberhaft

Nach dem Abstieg haben wir uns noch einen Glühwein gegönnt. Dann ging es per Zug wieder zurück nach Nizza mit dem Ziel, dort irgendwo ein spektakuläres Fisch- und Meeresfrüchte-Dinner einzunehmen.  Dummerweise haben wir uns verlaufen und sind auf der anderen Seite des Hügels gelandet, den wir gestern erklommen hatten. Für einen Weg, der eigentlich nur 20 Minuten dauert, haben wir über eine Stunde gebraucht. Dafür haben wir nun auch den östlichen Teil der Stadt gesehen und wissen, dass es dort aussieht wie in allen anderen Städten. Das Schöne an Nizza sind eindeutig die Altstadt, das Meer und der Colline du Chateau. Nach unserer Tageswanderung waren wir ziemlich k.o. und mächtig hungrig. Aber uns konnte geholfen werden. Wir entschieden uns für „Chez Freddy“ am Blumenmarkt (mit Free WiFi), das mit prächtigen Meeresfrüchte-Platten warb. Und genau so eine haben wir uns bestellt: Austern in verschiedenen Größen, allerlei unterschiedliche Muscheln, Krebse und Garnelenarten haben uns für alle Mühen des Tages entschädigt. Richtig geschlemmt haben wir und viel gelacht.

Nach den abschließenden Schokoladenfondants mit Eis und Sahne, dessen Kaloriengehalt etwa einem Silvestermenü für vier Personen entsprochen haben muss, waren wir alle drei so kaputt, dass wir uns eigentlich nur noch der Ordnung halber zu einem Absacker in die Bar vom Negresco geschleppt haben. Wenn Chris mich nicht eingeladen hätte, wäre das mit 21 Euro der teuerste Cocktail meines Lebens geworden. Die orange-pink-farbene mit zwei Alkoholika angereicherte Flüssigkeit war zudem unspektakulär, aber zumindest die Cocktailkirschen hatten Klasse.

Jetzt gehe ich erstmal wieder mit den Buben frühstücken. Der Kellner wird unseren Anblick heute sicher schon gewohnt sein und weniger drollig dreinblicken. Die Jungs reisen heute Mittag ab, ich heute Abend um sechs.

Mittwoch, 31. Dezember (Silvester) Den halben Tag allein in Nizza habe ich in der Altstadt verbracht und bin über den Blumenmarkt geschlendert.

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Ein Designerkleid habe ich nicht erstanden. Das war ja ursprünglich mal geplant, weil ich gegenüber dem Le Negresco, in dem Christan und Jon ihre müden Häupter abgelegt haben, mit der Wahl meines Hotels (direkt nebenan und mit nur einem Stern weniger) in zwei Nächten ganze 500 Euro gespart habe. Als Souvenir gab es statt Kleid ein Stück Honigseife für 4 Euro 50. Die steht dann später nicht rum und riecht zudem auch gut. Zum Abschluss meiner Kurzreise genehmigte ich mir noch eine noch lauwarme Tarte au Citron, die leider ungefragt durch die Zugabe von Sprühsahne und einer ebenso pappsüßen wie überflüssigen Kirschsauce zu einem „Kuchenteller“ aufgewertet wurde und mich um 8,50 Euro ärmer machte. Zum Flughafen habe ich dann den Bus genommen – für schlappe 6 Euro, um einem nochmaligen Nepp durch niedliche Taxischauffeusen in Polstermäntelchen zu entgehen.

Der Flieger war halb leer; offenbar haben die meisten Menschen am Silvesterabend bessere Einfälle, als wild durch die Gegend zu reisen. Auch deshalb bin ich überpünktlich gelandet – am vorletzten Gate des Flughafens in Frankfurt, um nach einer 20-minütigen Wanderung festzustellen, dass mein Koffer, den ich nach der Gepäckfachknappheit auf dem Hinflug diesmal aufgebeben hatte, am vorletzten aller Kofferbänder ankommen würde … sehr konsequent, finde ich. Taxen gab es genug, so dass ich schon vor neun in der heimischen Stube ankam. Die ganze Bude roch nach Gänsebraten mit Rotkraut. Irgendein Lüftungsschacht scheint durchlässig. In Anbetracht meines leeren Kühlschranks war ich froh, dass ich dank des üppigen Tarte-au-Citron-Menus nicht hungrig war.

Nach den üblichen Urlaubsnachbereitungstätigkeiten (Kofferleerung, Wäschewaschung) wollte ich mich für zwei Stündchen hinlegen und mir in Ermangelung anderer ernstzunehmender Optionen um zwölf das Jahreswechsel-Feuerwerk von Ralfs Balkon aus ansehen. Die Wohnung hat einen guten Blick in Richtung Fluss. Habe mir also den Wecker für halb zwölf gestellt, selbigen aber offenbar im Halbschlaf abgestellt. Geweckt hat mich die mitternächtliche Knallerei. Für den Spaziergang und die 86-Stufen-Erklimmung von Ralfs Wohnung war es da natürlich zu spät. Ist aber nicht schlimm, denn so bin ich der Gefahr entgangen, doch noch sentimental zu werden. Dafür war ich im Halbschlaf nämlich viel zu müde. In diesem Sinne: Happy New Year!

Fazit: Nizza ist selbst im Winter einen Kurz-Trip wert, auch Monaco hat schöne Ecken, und drei Tage zu dritt sind erheblich unterhaltsamer als acht Tage allein im Luxusbunker auf Rhodos.

Rhodos ganz allein

03 Samstag Jan 2015

Posted by anette quentel in Reisen, Rhodos 10/14

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Quentel, Rhodos

Mein erster Alleinurlaub (Rhodos, in einem Hotel mit vielen Sternen und wenig Kindern) startet mit einer durchwachten Nacht.

Tunnelblick

Samstagnacht, 19. Oktober, 1 Uhr (zu Hause) Im Fernsehen läuft ein romantisch-tragischer Film aus Frankreich. In der Sportsbar gegenüber meiner Wohnung ist Party. Normalerweise wäre ich um diese Zeit sicher schon vor dem Fernseher eingeschlafen, aber heute ist das anders. In ein paar Stunden fliege ich nach Rhodos, und ich habe „vorgeschlafen“ – im Kino … schon recht peinlich, aber nicht zu ändern. Offenbar bin ich kaputter als ich mir einzugestehen bereit bin. Morgen beginnt also der dringend nötige Urlaub. Der Koffer ist gepackt: 19,9 Kilo, sicher viel zu viel für die paar Tage, aber dafür bin ich auch für alle Eventualitäten gerüstet, bis hin zum Einschneien; die gesamte Kabelage für die notwendige Technik ist gecheckt und verstaut. Ich werde auf dem Flug noch ein bisschen im Reiseführer lesen, um mich einzustimmen – auf meinen ersten echten „Allein-Urlaub“ – einen Urlaub ohne Kompromisse, aber auch ohne meine Eindrücke mit jemandem teilen zu können. Deshalb habe ich auch den Fotoapparat dabei. Ich fotografiere sonst nur selten, weil ich immer denke, was ich mir nicht merken kann, ist auch nicht so wichtig. Seit dem letzten Winter bin ich sehr oft allein unterwegs gewesen. Und wenn mir etwas besonders gut gefallen hat, oder einfach nur lustig oder skurril war, habe ich Fotos gemacht. Angeschaut habe ich sie nie wieder, aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig. Wahrscheinlich musste ich es einfach nur „loswerden“.

Jetzt springe ich mal unter die Dusche und mache mich dann allmählich auf den Weg hierhin http://www.atriumplatinum.gr/de

Sonntagmorgen, 19. Oktober, 4 Uhr (am Flughafen) Das bestellte Taxi kam pünktlich. Der Taxifahrer hat mir erzählt, dass er es hasst, nachts zu arbeiten und dass er keine Sportwagen mag (wie kann so was sein?). Wo Rhodos liegt, wusste er auch nicht – der Mann ist offenbar kein Grieche. Die Stadt war noch voll mit Partygängern und Clubbern, die Straßen waren aber so leer, dass wir innerhalb von 15 Minuten am Flughafen waren. So früh ist hier kaum etwas los. Das bedeutet Würmchen statt langer Schlangen an der Gepäckabgabe und viele geschlossene Restaurants. Eine Kaffeequelle habe ich aber dennoch ausgemacht. Auf dem Weg dorthin stand ein weißer Bechstein-Flügel, an dem sich jeder vergreifen darf, der sich dazu berufen fühlt. Ein kleines Mädchen mit einem Piratenkopftuch saß dran und spielte (zumindest mal für meine Laienohren) fehlerfrei irgendwas Klassisches – klang irgendwie fremd in dieser technischen Umgebung, aber schön.

Auch die Schlange am Sicherheitscheck war gar keine, aber natürlich habe ich das Gepiepe im Tor zur Urlaubsglückseligkeit ausgelöst (wie eigentlich immer), so dass mir mal wieder das zweifelhafte Vergnügen zuteilwurde, von einer kleiner energischen Frau intensiv abgetastet zu werden … muss ein Traumjob für Lesben sein.

Jetzt sitze ich in einer geschlossenen Bar mit Blick auf die Flieger-Dockingstations (ganz schön neblig da draußen), harre bewaffnet mit einem Cappuccino der Öffnung des Gates und vertreibe mir gleich mal die Zeit mit drei kurzen Texten, die ich noch lesen/glätten und am Montag zum Kunden schicken muss. In der Sitzgruppe neben mir haben sich zwei Männer und eine Frau in Jeans und roten T-Shirts platziert. In Anbetracht dessen, dass sie zehn 0,5-Liter-Dosen Bier vor sich stehen haben, formulieren sie noch recht klar und deutlich. Es geht nach „Malle“ (haben sie genauso gesagt), und der Plan ist, nach der Ankunft ein „kleines flüssiges Frühstück“ einzunehmen und sich dann an den Strand zum Schlafen zu legen, abends soll es dann ins „Deutsche Eck“ gehen, was immer das auch sein mag …. Die sind wirklich lustig – erfüllen jedes Klischee.

So, jetzt die Texte lesen….

Sonntagmorgen, 19. Oktober, 7 Uhr (im Flieger): Habe ein Stündchen geschlafen. Der Kinosessel gestern Abend war bequemer, bin aber trotz Nackensteife jetzt erstmal wieder topfit. Und ich hatte Glück: Der Flieger ist fast voll besetzt, aber der Platz neben mir ist freigeblieben. Die Sonne geht gerade auf, unter uns viele Berge, kaum Wolken – sieht schön und wild aus da unten.

Sonntagmittag, 19. Oktober, 12 Uhr Ortszeit (im Hotel) Bin unversehrt gelandet und wurde vereinbarungsgemäß persönlich abgeholt und gut ins Hotel verbracht. Der Versuchung, ein Foto von dem kleinen molligen Chauffeur zu machen, der vor dem Ausgang mit einem Schild stand, auf dem mein Name geschrieben war, habe ich gerade so widerstehen können – hatte aber was. Das Zimmer konnte ich gleich beziehen. Es ist groß, durchgestylt und mit einer Whirlpool-Wanne, einem großen Balkon ausgestattet, der einen frontalen Blick auf das tiefstblaue Meer freigibt. WIFI funktioniert, und es gibt einen für meine Verhältnisse üppigen TV, auch mit ein paar deutschen und englischen Sendern. Das Hotel begrüßt mich mit einem Obstkorb und einer Flasche Rotwein auf dem Zimmer, die ich heute Abend in dem Monsterbett (Kingsize) antesten werde.

ganz schön groß

Wir haben 25° und es ist windig. Im Schatten braucht man ein Jäckchen, aber am Pool liegen alle ziemlich ausgezogen herum – was nicht immer gut aussieht. Offenbar ist das Essen lecker und einige Leute etwas maßlos. Das Hotel scheint nicht ausgebucht zu sein. Höchstens ein Drittel der Liegen ist belegt, und auf den leeren Exemplaren sind auch keine schwarz-rot-goldenen Handtücher auszumachen.

Room with a (sea)view

Jetzt kann Urlaub werden. Ich mache mich jetzt auf den Weg an den Strand – Meer anfassen, und mal sehen ob da unten irgendwer für mich einen Fisch brät. Im Flieger gab es nur eine Käsestulle …

Sonntag, 19. Oktober, abends Aus dem „Meer anfassen“ ist ein zweistündiger strammer Spaziergang geworden – hatte einen ausgeprägten Bewegungsdrang nach der Probe gestern und der Flugzeug-Sitzerei heute. Irgendwann hat sich auch der Wind gelegt. Ich bin in den nächsten Ort gen Norden gelaufen, der aber nichts Spannendes zu bieten hat. Erst danach habe ich mal ein kleines Restaurant in der Nähe des Hotels ausprobiert. Es ziemlich touristisch, weshalb ich auch auf den Fisch verzichtet und mich mit Blick auf das zu erwartende opulenten Abendessen mit einem griechischen Salat begnügt habe. Später habe ich mich dann unter die Walfische am Pool gemischt …

hilft, diszipliniert zu bleiben

… und zwei Stündchen abwechselnd gelesen und geschlafen – eine wundervoll entspannende Tätigkeit, die ich im Zimmer fortgesetzt habe als es kühl wurde. Im Hotelshop habe ich für kleines Geld einen Bikini in Größe 36 gekauft, weil meine hochgeschlossenen Sportschwimmanzüge doch wenig zielführend sind – hey, der erste Bikini seit mindestens 15 Jahren. Ein gutes Gefühl. Ich hoffe nur, dass der am Ende des Urlaubs noch passt.

Das Abendessen war nämlich unglaublich gut  und wird viel Disziplin erfordern: Buffet mit allem was das Nahrungsmittelliebhaberherz begehrt plus ein frisch zubereitetes Hauptgericht (Fleisch, Fisch oder Veggie), dazu eine Glas ganz ordentlichen Weines und viel Wasser. Das Restaurant selbst ist ein bisschen unpersönlich, hat eher Speisesaal-Charme, aber man wohnt ja nicht da. Geredet habe ich heute, mal abgesehen vom Personal, mit niemandem, aber das macht nix – ich rede ja sonst immer ziemlich viel. Hier gibt es nur Paare, aber das macht auch nix. Bin vor allem mal hier, um mich zu erholen und wieder ein richtiger Mensch zu werden.

Und genau deshalb verziehe ich mich jetzt rechtschaffen müde in das große Bett, zappe noch mal durch die für mich verständlichen TV-Programme und werde wohl sehr bald die Guggerchen zumachen.

Morgen werde ich das Frühstücksbuffet testen und dann die alten Steine in Rhodos Stadt erobern.

Montag, 20. Oktober, 10 Uhr 30 Bin gestern wie erwartet ziemlich ohnmächtig in den Schlaf gefallen und heute Morgen auch erst um Acht aufgewacht, mit einer Erkältung im Anzug und ganz kleinen Augen im Gesicht (tippe auf Wasser im Körper). Das Frühstücksangebot ist ebenso opulent wie das Abendbuffet. So etwas habe ich zuletzt im Westin Grand in Berlin erlebt, wo wir immer gewohnt haben, wenn wir in der Hauptstadt waren. Ja, bis vor einem ¾ Jahr war ich noch ein „wir“. Auch darüber, wie mir das selbstgewählte „ich“ gefällt, will ich in diesem Urlaub nachdenken und mal in mich hineinhören, ob ich überhaupt schon wieder bereit wäre für ein neues „wir“, aber nicht schon heute und schon gar nicht vor dem Frühstück, versteht sich. Das lässt in seiner Fülle auch gar keine tiefgehenden Gedanken zu: Geboten wird hier beispielsweise ein Räucherfischbuffet über Full English Breakfast, allem, was Griechenland an Kulinarischem zu bieten hat (wusste gar nicht wie viele verschiedene Sorten Oliven es gibt), Kuchen, und diversen Eierspeisen bis hin zu Sushi. Zum Glück habe ich aber auch eine Ecke mit viel frischem Obst und 2%igem Joghurt ausgemacht, so dass es bei Rührei+Lachs und Obst+Joghurt geblieben ist. Wer will denn schon am frühen Morgen zu Abend essen …

Heute kein Wind. Jetzt checke ich mal, ob ich irgendwas arbeiten muss, wovon ich nicht ausgehe, und mache mich dann per Bus auf den Weg in die „City“.

Laut Wetterbericht wird es ’schland bald sehr kalt. Gestern sprachen sie sogar von Schnee. Hier ist es dagegen nach wie vor schön warm, ab Donnerstag droht aber Regen. Wir werden sehen. Heute habe ich also die alten Steine erobert – viele alte Steine.

mehr alte Steine

Zu „besichtigen“ war auch eine Menge schrecklicher Nippes in der Altstadt, die ohne den ganzen bunten Billigkram sicher sehr schön wäre. So ganz widerstehen konnte ich dem Kaufimpuls aber doch nicht. Ich habe in einem richtigen Schmuckgeschäft einen vergoldeten Silberring erstanden (runtergehandelt von 89 auf 70 Euro), der genau zu einem Halsreif passt, den ich schon länger habe, und zwei Requisiten für den Kirschgarten gefunden: ein Häkeltäschchen für mich als Ranjewskaja (das Handtaschenproblem war noch nicht gelöst) und ein großes Kreuz für Teresa als Warja, die ja immer davon redet, ins Kloster gehen zu wollen. Alle Billigklamöttchen, mehr oder weniger falschen Ledertaschen, Badeschwämme (bestimmt aus der Karibik und nicht von hier), Olivenprodukte, Honiggläser mit „Greetings-from-Rhodos“-Beschriftung, ultrahässlichen grellen Aquarelle von Häusern und Landschaften, die es garantiert nirgendwo auf dieser Welt gibt, und den übrigen Tand habe ich leichten Herzens hängen, liegen und stehen lassen – damit sollen sich mal die anderen Touris über den Tisch ziehen lassen. Kaum zu glauben, dass wirklich so viele Leute diesen Kram kaufen, dass zig Ladenbesitzer davon leben können.

Kleines Mitbringsel gefällig

Ich bin von den diversen Händlern (ebenso wie vom Hotelpersonal) auf allen wichtigen Sprachen dieser Welt angesprochen worden, aber nur einmal auf Deutsch. Offenbar sehe ich sehr international aus. Statt Shoppingrausch bin ich abseits der üblichen Wege durch die mittelalterliche Wallanlage gelaufen, auf einen (sehr kleinen) Turm gestiegen, durch die leeren Teile der Altstadt und am Hafen entlang geschlendert Unterwegs habe ich diverse intakte und kaputte Kirchen und Moscheen angeschaut, alle von außen, weil geschlossen. Essen habe ich glatt vergessen, aber einen Frappé gab es irgendwo auf einem schönen Platz mit einem Eulenbrunnen. Für den Rückweg habe ich mir ein Taxi gegönnt. Die Busse fahren hier so ungefähr-vielleicht-wenn-alles-gut-geht-und-nichts-dazwischen-kommt alle halbe Stunde ….  Sonnenbad musste ausfallen. Ich bin heut Vormittag erst gegen elf Uhr los und war bis halb sechs unterwegs – da war es dann schon zu kühl.

Die Frau, der ich das Kreuz abgekauft habe, hat mir noch ein paar Tipps für meinen Trip nach Lindos gegeben. Irgendwo auf dem Weg dorthin soll es zum Beispiel einen wunderschönen Wasserfall geben, den kaum ein Tourist entdeckt. Den werde ich suchen. Morgen miete ich mir ein Auto und fahre ein bisschen über die Insel. Den angebotenen Mopeds traue ich nicht recht…

Das mögliche 8-Gänge-Dinner habe ich auf 3 Snacks reduziert: Salat, Schwertfisch mit Tomatensugo (ohne den Reis) und zum Dessert Weintrauben + ein paar Bröckchen Käse – ok, ein ganz kleines Stückchen Bakhlava habe ich mir auch noch genehmigt (hmmmmm). Die Weinkarte ist lang, aber es gibt nur zwei Sorten, die glasweise (bzw. in 0,2l-Miniflaschen) ausgeschenkt werden. Die sind hier nicht auf Alleinreisende eingestellt; selbst das stille Wasser ist nur in 1l-Einheiten erhältlich. Der Chefkellner-Fatzke, der gerne ganz auf Französisch macht, hat gestern auch schon „Table for two, Madame“ gefragt, obwohl ich sehr offensichtlich allein war ….Den Namen der Traube des einen Weins hatte ich noch nie gehört, so dass meine Wahl auf die Alternative gefallen ist: eine Cuvée aus irgendwas + irgendwas anderes + Sauvignon Blanc. Das ist kein All-inclusive-Urlaub. Die Getränke und alles außerhalb Frühstück und Dinner gehen extra, aber die Preise sind nicht höher als in Frankfurt – nur beim Cappuccino schlagen sie mit 4,50 Euro zu, aber vielleicht ist das der Bar-Tarif.

Jetzt werde ich die 105 (!) Mails des Tages einsortieren. Ungefähr ein Viertel davon sind Newsletter o.ä., aber der arme Ralf hat gut zu tun. Wenn ich richtig gezählt habe, sind heute zehn Jobs reingekommen (z.T. aber nur ganz kurze Texte oder Projekte mit langen Deadlines). Ich habe ihm angeboten, irgendwas zu übersetzen, wenn es eng wird, aber das wird er nicht wollen, weil er mir diesen Urlaub wirklich gönnt. Habe eben gesehen, dass er schon zwei freie Übersetzer eingespannt hat – und heute ist erst Montag.

Wenn ich es schaffe, so lange wachzubleiben, schaue ich mir nachher einen Film im ZDF an – ZDF gibt’s, ARD nicht. Geredet habe ich auch heute nur mit dem Hotelpersonal und den Händlern in der „City“, aber im Moment fehlt mir das auch noch nicht. So komme ich wenigstens mal zur Ruhe.

das unvermeidliche Sonnenuntergangsfoto

Dienstag, 21. Oktober, 20 Uhr 14 Nachdem laut wetter.com ab morgen Wolken angesagt sind, habe ich Auto und Ausflug spontan verschoben und kurzerhand einen Lese-Döse-Lese-Schlaf-Lese-Tag am Pool eingelegt. Möglicherweise war das die letzte Gelegenheit, ordentlich Sonne zu tanken. Soll ja angeblich glücklich machen – als ob das so einfach wäre. Bis jetzt merke ich davon noch nix, aber mein Gesicht und die schon vorgebräunten Stellen nähern sich schon jetzt allmählich der Farbe eines Wienerwald-Opfers kurz vor dem Servieren. Der Rest hinkt ein bisschen hinterher – befremdlicher Anblick, aber den muss ja gerade keiner außer mir ertragen. Brandschäden sind keine zu vermelden.

Ich war also heute ein echtes Faultier. Hätte nie gedacht, dass das geht, und besonders befriedigend ist es auch nicht, aber man muss es mal gemacht haben, um das festzustellen. Erlebt habe ich somit so ziemlich gar nichts – mal abgesehen von einer theoretischen Reise in die Tiefen des männlichen Denkens und Fühlens (habe das Buch „Männerseelen“ von Björn Süfke durchgelesen), geholfen hat das nicht viel. Ok, Jungs ich verstehe Euch nicht, aber jetzt habe ich eine vage Ahnung davon, warum das so ist. Für einen kleinen Spaziergang hat die Energie vorhin noch gereicht. Dabei ist unter anderem dieses Bild eintstanden …. witzig, was diese Kameras heute alles so können.

Blümchen rot

Mittwoch, 22. Oktober, 22 Uhr 04 Bin geduscht, gesalbt und gefüttert und wieder zurück im Zimmer, wo das ZDF heute Fußball zeigt … und 67 Mails darauf warteten, einsortiert zu werden.

Das war ein Tag voller Eindrücke – um Längen besser als der gestrige. Mit dem geliehenen Auto, einem weißen Peugeot 106, eine nette wendige kleine Kiste für die griechische Inselpampa, bin ich in Richtung Lindos losgedüst, mit einem ersten Stopp an den empfohlenen 7 Springs, wo es jenen beeindruckenden Wasserfall zu begutachten geben sollte … allein, das Ding war ein Witz. Die sieben Quellen waren genau das: sieben kleine Stellen, an denen Wasser aus der Erde tröpfelte, kein Wasserfall. Um allen Missverständnissen vorzubeugen, standen an den sieben Wasserlöchern Schilder mit den Zahlen 1 bis 7. Außer mir hatten sich weitere etwa 20 Touristen eingefunden, die böse Worte ausstießen, missmutig grummelten oder, wie ich, furchtbar lachen mussten ob der fehlenden Attraktion…

Rinnsale

Statt fallender Gewässer gab es allerlei Geflügelgetier zu besichtigen – von der ordinären Ente bis hin zu zutraulichen Pfauen. Weil ich Geflügel lieber esse als beschaue, bin ich flugs weiter gen Lindos …

Nach ein paar Kilometern bin ich eher intuitiv von der Hauptstraße (vergleichbar mit einer schlechten Bundesstraße in good old Germany) an die Küste abgebogen und fand mich kurz drauf in einem kleinen Ort mit einem netten fast einsamen Sandstrand wieder – mit FREE Umkleidekabine. Na, da habe ich die Gelegenheit doch glatt genutzt, mal in den großen Teich zu hüpfen, zum ersten Mal seit etwa 15 Jahren. Das Wasser war ganz warm. Ich hatte schon fast vergessen, dass sich das ein bisschen so anfühlt, als würde man mit Neptun kuscheln. Nach etwa 15 Minuten hatte ich aber genug von der meerischen Zärtlichkeit (das Getränk war schon ziemlich versalzen).

Neptun lässt schön grüßen

Während mich der Wind getrocknet hat, habe ich noch schnell ein Feuerchen in Frankfurt gelöscht. Ein hochnervöser Kunde hat sich telefonisch bei mir beschwert, dass Ralf seinen ultradringenden Job nicht augenblicklich bestätigt hat – na, am Ende war natürlich alles halb so schlimm: Der Job war längst in Arbeit und ging später auch pünktlich raus.

Dann also weiter nach Lindos. Die Säulenreste waren eher jämmerlich, aber der Ausblick war jeden mühseligen Schritt wert. Der Weg dorthin wird einem nicht nur durch unzählige Stufen erschwert, sondern auch von einem Gassengewirr, das ultraeng, zum Teil ziemlich dunkel und vollgestopft mit Händlern ist – auch wieder so eine Altstadt, die sehr schön sein könnte, wenn da nicht die Menschen wären …. Hier habe ich mich dann auch prompt verlaufen und bin in den einsameren Teilen des Örtchens gelandet, wo es dann auch sehr griechisch war. Danach habe ich mir eine hübsche weißblaue Taverne mit Blick über die Küste gesucht und einen kleinen landestypischen Salat zu mir genommen. Bergsteigen macht halt Hunger.

klägliche Tempelreste

Und weiter ging‘s, diesmal quer über die Insel, weil ich auf der Karte einen großen See gesehen hatte. Die Straße dorthin war superkurvig, aber asphaltiert (keine Selbstverständlichkeit hier, tippe auf staatliche Infrastrukturinvestitionen zwecks Belebung der Konjunktur) und quasi autofrei – und er führte durch eine tolle rauhe Wald-Felslandschaft. Ich bin ganz langsam gefahren, weil es so schön war, und weil überall Ziegen rumliefen. Ich konnte ja nicht sicher sein, ob die Hotelküche noch welche gebrauchen konnte. Der See war dann allerdings ein Staudamm, von dem ich zu diesem Zeitpunkt aber fast nichts sehen konnte, weil man nur bis auf 200m herankam. Ein bisschen enttäuscht habe ich wieder umgedreht und wollte den Heimweg über die „Hauptstraße“ antreten, habe mich aber nach einem Blick auf die Karte für eine Abkürzung entschieden. Eine sehr gute Idee, denn dadurch bin ich an einem zauberhaften Ort gelandet: eine kleine Lichtung mit Blick von oben auf eben jenen Staudamm, an den ich vorher nicht herankam. Es herrschte eine unglaublich stille Stille. Immer wieder strichen Vogelschwärme über das Wasser … Das war so einer der Momente, die man lange mit sich herumträgt.

PSSST

Danach ging es aber wirklich nach Hause. Mittlerweile war auch die Sonne schon müde geworden. Dann wird es ja hier auch immer blitzschnell dunkel, und das mit den beleuchteten Schildern muss noch geübt werden. Aber ich habe auf ziemlich direkten Weg zurückgefunden – recht versalzen und schon wieder hungrig. Auf das „offizielle“ Hauptgericht habe ich aber verzichtet und mich auf Rohkost plus Garnelen und Lachs sowie ein Stück Makrele aus dem Ofen beschränkt, ohne Beilagen. So ganz ohne Carbs ging es dann aber doch nicht ab. Ich habe nämlich die Ecke mit selbstgemachten Eis entdeckt … davon mussten es dann doch noch zwei Kügelchen sein.

Jetzt bin ich einigermaßen k.o. und werde bestimmt bald einschlafen.

Donnertag, 23. Oktober, 23 Uhr 28 Der zweite Auto-Ausflugstag liegt hinter mir – heute berichte ich mal eher stichwortartig, weil ich nicht mehr ganz taufrisch bin nach einem erlebnisreichen Tag und dem Lobster-Dinner, das ich mir vorhin gegeben habe. Serviert wurden Hummersuppe mit Monstergarnele, Hummersalat, Fisch-/Meeresfrüchtespieß auf Gemüse, Zitronensorbet mit Ouzo, ein halber Lobster und zum Dessert eine mit Walnüssen gefüllte Baby-Birne mit Vanilleeis – alles lecker, fettarm und (abgesehen vom Dessert) carb-free. Hatte dazu eine 375ml-Flasche Wein (Muscat), eine große Flasche Wasser und danach einen sehr großzügig bemessenen griechischen Brandy mit mehr Sternen als das Hotel hat. Zum Glück bin ich kein Mann. Nach dem vielen Eiweiß hätte ich sonst sicher eine „unruhige“ Nacht. (hihihi).

Heute habe ich also:

(1) ein laut Reisführer „buntes Dorf“ gesehen, dass dringend einen neuen Anstrich braucht,

Anstrich gefällig

(2) eine römische Siedlung erkundet, die auch schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Es stehen nur noch drei (zugegebenermaßen schöne) Säulen und ein paar Grundmauern

(3) enge Kurven fahren gelernt

(4) zwei Kastelle erstiegen, so dass ich das Wort „Kastell“ für alle Zeiten mit „vielen Treppen“, aber auch mit schönen Ausblicken in Verbindung bringen werde

Tree with a view

(5) den schlechtesten Frappé aller Zeiten getrunken (oder vielmehr nicht getrunken)

(6) drei tote Katzen auf der Straße gesehen und eine lebende Katze gestreichelt, die genauso aussah wie meine tote Mona

(7) ein Weindorf durchfahren, in dem gar kein Wein gemacht wird

(8) noch engere Kurven fahren gelernt

(8) einem ausgesprochen griechisch aussehenden Griechen ein Glas leckeren Pinienhonig (ohne „Greetings-from-Rhodes“-Aufschrift) abgekauft

(9) eine (ausnahmsweise geöffneten) alte Kirche bestaunt, die über und über mit Fresken bemalt war, in der ich aber nicht fotografieren durfte

(10) überholen in engen Kurven gelernt

Nach dem heutigen Sightseeing-Marathon  ist morgen eher Erholung angesagt: lang schlafen, lesen, Sport in der hoteleigenen Muckibude, vielleicht auch eine kleine Beautysession, Spaziergang am Meer.

Das Wetter ist schlecht (wolkig, Regenschauer, vorhin Gewitter) und soll es auch bleiben, und griechisch kann ich immer noch nicht, aber sonst ist fast alles bestens. Geredet habe ich allerdings immer noch mit niemandem. Allmählich wird’s doch ein bisschen einsam.

Freitag, 24. Oktober, 16 Uhr 07 Das mit dem Erholen klappt aber ganz gut. Eigentlich sind 8 Tage zu wenig. Man braucht erst ein paar Tage, um runterzufahren, und wenn man gerade unten angekommen ist, muss man sich schon wieder auf’s Hochfahren vorbereiten. Na, zwei Tage habe ich ja noch.

Die Beauty-Session, so ein Entschlackungs-/Anti-Dellen-Ding, war sehr effizient. Ich bin schön glatt und habe ordentlich entwässert …. Die hübsche zarte Person hat mir zuerst einen „Papier-Tanga“ zum Anziehen in die Hand gedrückt – sah nett aus das Ding an mir, sollte ich mir mal in einer Stoffvariante zulegen, man weiß ja nie. Dann hat sich mich mit einer grünlichen Masse bekleistert, in Alufolie und Handtuch gepackt und 20 Minuten herumliegen lassen. Die Masse hat sich und mich in dieser Zeit ordentlich erhitzt. Danach schickte sie mich unter die Dusche geschickt, drapierte mich auf der Liege drapiert und walkte mich nach allen Regeln der Kunst durch – unter Zuhilfenahme diverser Cremes und Wässerchen. Es wurde abgestrichen, massiert und geklopft (bin gespannt, ob sich morgen der eine oder andere blaue Fleck findet), sie hat tatsächlich eine Stelle entdeckt, an der ich kitzelig bin. Ich dachte immer, das sei bei mir nicht eingebaut, aber man lernt immer dazu … Jetzt bin ich jedenfalls tiefenentspannt, fühle mich straffer an (eigentlich schade, dass niemand was davon hat) und bin schon wieder müde. Vielleicht sollte ich es den restlichen Hotelgästen gleichtun und meinen harten Faulenzertag mit einem Nickerchen unterbrechen. Hier in der Anlage herrscht nämlich gerade gespenstische Stille. Kein Laut außer den obligatorischen Vogelpiepsern, und auf dem Balkon neben mir ist ein ältlicher Brite über einem F. Forsyth eingeschlafen. Während ich genussquält wurde, hat es ordentlich geregnet. Der Pool ist verlassen, die Wege patschnass.

Es bleibt wolkig aber trocken, ich werde aber kein Nickerchen machen, sondern meine Mails sortieren, um zu schauen, was mir am Montag so alles bevorsteht. Dann werde ich mich in ein Jäckchen hüllen, mit dem Fotoapparat am Strand entlang laufen und ein paar Fotos machen, wenn ich was Nettes vor die Linse bekomme.

Samstag, 25. Oktober, 10 Uhr 45 Habe gestern das E-Mail-Sichten verschoben und bin gleich los ans Wasser. Hier wird es ja immer schon so früh dunkel. Der Strand war menschenleer, weil wohl alle Angst vor dem nächsten Regenguss hatten – Recht hatten sie. Ich bin in ein ausgewachsenes Gewitter mit Wolkenbruch geraten und bis auf die Haut nass geworden, aber gelohnt hat sich der Ausflug doch. War ein tolles Naturschauspiel und bevor es richtig anfing zu regnen, habe ich noch einen Riesenfisch gesichtet, der vor der Küste munter mit sich selbst gespielt hat. Mein Versuch,  ihn zu fotografieren gestaltete sich aber schwierig. Zum einen war er naturgemäß immer nur sehr kurz über Wasser, zum anderen ist meine Kamera nun doch nicht ausgestattet. Das Meertier sah aus wie ein Wal, was aber natürlich Quatsch ist. Ich muss nachher noch mal irgendwen fragen, was für Monsterfische sich hier so tummeln. Vielleicht entwickelt sich daraus ein Gespräch – wäre das ersten in diesem Urlaub.

Nach dem Essen (Rohkost, Salat, Fisch – die bieten hier tatsächlich jeden Abend 4-5 verschiedene Arten aus Ofen und Sud – und zwei Kugeln Eis) habe ich dann wirklich ein intensiverer Blick auf die Mail-Massen geworfen… ich werde heute ein bisschen arbeiten, damit am Montag nicht gleich wieder die ganze Erholung zum Teufel ist. Den Film im ZDF, einen Krimi, in dem es neben dem Mord auch um gefakete Filmaufnahmen und Kamera-Drohnen-Belästigung ging,  habe ich natürlich zur Hälfte verschlafen, aber bei der Heute-Show war ich dann wieder wach. Heute Morgen war ich auch schon früh fit, habe das „Kaktus-Buch“ zu Ende gelesen (das allerdings ab der Mitte nicht mehr so interessant ist) und bin spät zum Frühstück, damit ich nicht mitten am Tag plötzlich Hunger kriege. Die Waage in meinem Zimmer sagt, dass ich ein gutes Kilo zugenommen habe. In Anbetracht der enormen Ruhe, des vielen Schlafs und der kulinarischen Verlockungen hier halte ich das für akzeptabel. Das ist bis Ende der nächsten Woche wieder weg.

Nun suche ich mir mal ein gemütliches Plätzchen, um ein paar wundervolle Texte zu übersetzen.

Uuups, jetzt fängt es an zu regnen … hmmm, das hatte ich so nicht gebucht ….

Regen war nicht verabredet

Samstag, 25, Oktober, 13 Uhr 50 Für zwei Sonnenstündchen hat es dann eben doch noch gereicht – alles sehr wechselhaft hier. Wenn es nichts zu Arbeiten gäbe, würde mir jetzt allmählich doch langweilig. Von der im Hotelprospekt angekündigten Animationssache habe ich bislang noch nichts bemerkt … ist wahrscheinlich besser so.

Zu Mittag gibt es ein Äpfchelchen und einen Müsliriegel – diese Carb-free Frühstücke halten nicht lange an, wenn man arbeitet, und das habe ich bis jetzt. In ein/zwei Stündchen dürfte aber alles vollbracht sein. Der Rest ist Urlaub. Habe mir für morgen einen Late-Check-out gesichert, damit ich nicht stundenlang heimatlos und in voller Montur herumlungern muss, bevor ich gegen halb sechs zum Flieger aufbreche. Der Flug soll gegen acht Uhr Ortszeit losfliegen und um 22 Uhr 30 in Frankfurt ankommen (auch Ortszeit). Ich hoffe mal, dass ich das ganze Zeitverschiebungsdurcheinander hinkriege. Zu allem Überfluss wird ja die Uhr heute Nacht umgestellt, aber wird schon. Muss nur aufpassen, auf welche Uhr ich schaue. Die Armbanduhr konnte ich nämlich nicht umstellen, weil sie keine Krone hat und ich den Stellmagneten zuhause gelassen habe. Aber das Handy zeigt mir ja immer die richtige Zeit an, also alles kein Problem.

Gerate gerade ins Schwafeln … jetzt übersetze ich aber noch ein bisschen weiter und danach lasse ich es mir gutgehen. Vielleicht sollte ich heute ausnahmsweise zu einem Sundowner in Form eines kleinen Gin Tonics greifen. Ich war hier bislang alkoholmäßig sehr zurückhaltend: Nix Hochprozentiges außer dem Brandy nach dem Lobster-Dinner und abends nur ein Glas Wein zum Essen, aber alleine trinken hat auch was Erbärmliches.

Sonntag, 26. Oktober, 14 Uhr 05 Mein Abend war ruhig und erholsam. Habe nach dem Abendessen noch ein paar Worte mit dem Chef der Autovermietung gewechselt. Ein Mensch hat mit mir geredet. Zuerst glaubte ich in grenzenloser Selbstüberschätzung, dass das ein Flirtversuch werden sollte. Tatsächlich wollte er mit mir die politische Situation in Europa allgemein und in Griechenland im Besonderen diskutieren. Er sprach aber so schlecht Englisch, dass er mir kaum folgen konnte (ich ihm auch nicht). Deshalb habe ich das Ganze nach 20 Minuten abgebrochen und mich vor den TV verzogen. Heute Morgen ist mir aufgefallen, dass ich in den letzten acht Tagen kein Wort Deutsch gesprochen habe.

Entspannt bin ich jetzt jedenfalls, aber das hat auch Nachteile. Wenn ich ordentlich kaputt bin, schlafe ich immer tief und traumlos. Seit drei Tagen träume ich jede Nacht wirres Zeug. Heute Nacht muss es besonders schlimm gewesen sein. Bin mit viel Salz im Gesicht aufgewacht, kann mich aber nur bruchstückhaft an die Träume erinnern – ist vielleicht besser so.

Heute geht es also wieder zurück. Habe heute Vormittag noch die letzten beiden Sonnenstunden eingefangen und sitze jetzt regengeschützt an der Poolbar mit einem Frappé. Der Koffer ist noch nicht gepackt, aber dafür ist ja gleich noch Zeit. Habe mein Zimmer bis 17 Uhr verlängert und mache mich gegen halb sechs auf den Weg zum Flugplatz (Flughafen wäre wirklich ein zu großes Wort dafür). Das mit den Orts-, Sommer- und Winterzeiten habe ich auch im Griff.

Das war er also quasi, mein erster „Alleinurlaub“ – meine schlimmsten Einsamkeitskummerbefürchtungen haben sich nicht bestätigt. Ich bin in keinen tiefen Frust verfallen, habe mir aber dennoch oft gewünscht, nicht so allein zu sein. Ohne moderne Kommunikationstechnik hätte das möglicherweise anders ausgesehen.

Keinen einzigen Kompromiss eingehen zu müssen, hat durchaus Vorteile, macht aber nicht glücklich. In Zukunft muss ein zweiter Mensch her, oder auch eine Gruppe. Für dieses Mal war es aber ok. Ich war viel mit mir selbst und meinem wirren (Gefühls-)leben beschäftigt, bin aber in Sachen „ich“ oder „wir“ zu keinen neuen Erkenntnissen gelangt. Das lasse ich jetzt mal einfach auf mich zukommen. Vielleicht ist das ja die Erkenntnis.

Gelernt habe ich, dass ich viel besser Urlaub organisieren kann, als ich geglaubt habe. In den „Wir-Kurzurlauben“, die eigentlich immer Städtetrips waren, hat Ralf fast alles geplant und ich dachte, das sei auch besser so. Aber das ist Quatsch…. In unseren Urlauben haben mir auch oft die Ruhephasen gefehlt, der Tag am Pool oder am Strand, und ich wollte immer mal einen faulen Urlaub ausprobieren. Jetzt hätte ich einen haben können, aber das reine Faulsein ist mir schon nach einem Tag langweilig geworden. Vielleicht wäre das zu zweit anders gewesen. Meer und Sonne habe ich aber wirklich genossen. In Zukunft wird es für mich öfter Urlaube im Süden geben. Das weiß ich jetzt auch.

Hier scheint es sich jetzt einzuregnen und es wird ziemlich kühl. Gar nicht so schlecht, dann gewöhne ich mich schon mal langsam an das Wetter, das mich zuhause erwartet. Ich verziehe mich mal auf meine Luxusbude zum Koffer packen.

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