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Moving on

~ Man muss immer tun, was man nicht lassen kann.

Moving on

Schlagwort-Archiv: Blog

Neulich im Kabarett

08 Sonntag Mär 2015

Posted by anette quentel in kabarett, People & Places

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Blog, Kabarett, Quentel

Stalburg Ausschnitt

Donnerstag, 5. März. Hans Holzbecher im Stalburg-Theater. Hans Holzbecher … hm, sagt mir nichts. Das Internet verrät mir seine Mitwirkung in diversen TV-Serien, die ich allerdings alle nicht gesehen habe. Im Internet steht auch, dass er den Kölner Theaterpreis bekommen hat und Coach für „Visuelle Rhetorik“ ist. Studiert hat er Sport, Philosophie und Schauspiel – interessante Mischung, scheint ein vielseitiger Mann zu sein. Ok, den schaue ich mir an. Hätte mich die Tatsache, dass zwei Tage vor der Vorstellung noch viele Tickets zu haben waren, misstrauisch machen müssen? Vielleicht.

Bewaffnet mit meinem üblichen „Stalburg-Dinner“ (Grauburgunder, Brezel, Käsewürfel) besetze ich meinen Platz in der erste Reihe, achte darauf, dass das Glas nicht auf der Bühne steht – da sind die Künstler zu Recht empfindlich – und freue mich darauf, mal wieder richtig zu herzhaft lachen. Dazu bin ich hier. Pünktlich um 20 Uhr entert der Mime mit einem kühnen Sprung die Bretter, die mit zwei Stühlen ausgestattet sind. Auf dem einen steht als „Proviant“ für den Abend ein Geripptes mit Wasser, was ich erheblich sympathischer finde als die verschämten Plastikwasserflaschen in der hinteren Bühnenecke, zu denen andere Kabarettisten während ihrer Vorstellung greifen.

Ich erwarte einen rauschenden Eingangs-Gag, aber der kommt nicht. Nervös ist er, der Hans Holzbecher. So nervös, dass er sich ein paar Mal verspricht und sehr viel visuelle Rhetorik einsetzt – erinnert mich an Angela Merkel vor dem Trapez-Coaching. Und er „trippelt“: zwei Schritte nach rechts, drei Schritte nach links, zwei auf der Stelle, einen zurück. Während ich überlege, ob das eine ausgeklügelte Inszenierung ist oder einfach nur nicht gut, verpasse ich beinahe die erste lustige Stelle, die mit gefühlten fünf Lachern aus dem halbbesetzten Saal quittiert wird. Allmählich beruhigt er sich etwas, verhaspelt sich aber immer noch ab und zu. Auf mich wirkt er wie ein Schauspieler, der einen Kabarettisten spielt: An manchen Stellen klingt er wie Dieter Nuhr, nu(h)r schlechter (Achtung, Kalauer!). Mit Nuhr gemein hat er auch den philosophischen Touch. Holzbecher hat offenbar über vieles intensiv nachgedacht, aber manche Themen scheinen ihm so wichtig, dass er nicht wagt, wirklich böse Witze zu reißen. Als Mensch macht ihn das sympathisch, als Kabarettist fehlt ihm die dadurch die Schärfe.

„Risiko Leben“ heißt sein Programm. Ein Titel, der alles und nichts heißen kann und vermutlich deshalb so gewählt wurde. „Gott und die Welt“ hätte auch gepasst, zumal er später noch in die Rolle des Allmächtigen schlüpfen wird. Bis dahin streift er unterschiedliche Themen: ein bisschen Putin-Kritik, ein wenig USA-Kritik (seine Parodie einer US-Politikerin aus dem Mittleren Westen klingt wie Peter Maffay), eine kleine Portion „Männer und Frauen“. Und immer wenn ihm kein vernünftiger Übergang einfällt, springt er unvermittelt zurück zu Sprachthemen oder zur Figur eines zahlenverliebten Mannes, den seine Freundin Heidrun gegen einen Nordic-Walking-Coach ausgetauscht hat, jeweils eingeleitet durch eine kurzes „Sprache!“ oder „Ach ja, Heidrun!“. Ich dachte, die Zeit der Nordic-Walking-Jokes sei vorbei. Die Zahl der Stöckchen-Witze ist nun mal begrenzt. Auch er bietet hier nichts Neues.

Nach einer gelungenen Michael-Jackson-Parodie (inklusive überzeugendem Moon Walk) ist Pause. Singen kann er. Bis jetzt habe ich drei Mal gelacht und sieben Mal geschmunzelt und das Publikum kaum öfter (ok, das Schmunzeln konnte ich nicht sehen) – nicht genug für einen halben Kabarettabend. Soll ich gehen? Nein. Vielleicht wird er in der zweiten Hälfte lockerer. Ich überlege, ob ich ihm ein Glas Wein in die Garderobe bringen lassen sollte.

Nach der Pause wieder Rückgriffe auf „Heidrun“ und die Einführung einer neuen Figur: ein Berliner Taxifahrer, der Philosophie studiert hat, im Zwiegespräch mit einem Fahrgast. Das ist gut. Überhaupt überzeugt mich Holzbecher immer dann, wenn er eine Rolle spielt oder eine Geschichte erzählt. Auch im Publikum wird jetzt häufiger gelacht, was aber auch daran liegen kann, dass die meisten Zuschauer mittlerweile ein bis drei Gläschen Alkohol hatten, was ja bekanntlich zu erhöhter Lachbereitschaft führt.

Insgesamt ist er in der zweiten Hälfte aber tatsächlich entspannter. Er baut noch ein oder zwei weitere Lieder ein (wie gesagt: singen kann er), spricht in verschiedenen Dialekten (kann er auch) und tritt dann im weißen Anzug als Gott auf, der abschließend wie von unsichtbaren Engeln getragen 30 cm über der Bühne schwebt – netter Trick.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde ist es vorbei. Einen nicht enden wollenden Applaus gibt es nicht. Die Zugabe fällt auch aus. Offenbar hat er sein Pulver bereits verschossen, ein über weite Strecken recht feuchtes.

Nein, ein wirklich gelungener Kabarettabend war das nicht. Ich gehe unterbelustigt nach Hause. Auf dem Weg frage ich eine Gruppe Zuschauer nach ihrem Belustigungsgrad und bin überrascht zu hören, dass es ihnen sehr gut gefallen hat. „Warum haben Sie dann nicht öfter gelacht?“ – „Also ich habe gelacht“, meint einer. Die anderen schweigen. Auf Nachfrage erfahre ich, dass sie sonst nie ins Kabarett gehen und zu einem Seminar in Frankfurt sind. Visuelle Rhetorik vielleicht?

Im Internet ist nachzulesen, dass „Risiko Leben“ das erste eigene Soloprogramm von Hans Holzbecher ist. Vielleicht hat er bei der Zusammenstellung an Herrn Goethe gedacht:

„Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ (Faust, Vorspiel auf dem Theater)

Aber wenn er heute Abend aufgepasst hat weiß er, was ankommt. Dann wird er sich in Zukunft auf einige wenige Figuren konzentrieren, vor allem den „Berliner Taxifahrer“ ausbauen, stärker auf seine Stimme und sein Schauspieltalent setzen und geschicktere Übergänge schaffen. Wenn es ihm dann noch gelingt, zu den Problemen dieser Welt so viel Abstand zu gewinnen, dass er sie respektloser und schärfer angehen kann, schaue ich mir gerne sein nächstes Programm an.

Neulich im Supermarkt

23 Montag Feb 2015

Posted by anette quentel in Beobachtungen, People & Places, Supermarkt

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Blog, Quentel, Supermarkt

Samstagabend, 23.30 Uhr. „Warum ich mir einen Einkauf zu nachtschlafener Zeit antue?“ Weil ich es kann, und weil ich morgen früh den Tisch voller Frühstücksgäste habe, die ich mit den zwei glücklichen Hühnereiern und dem halben Glas Mama-Marmelade im Kühlschrank auf keinen Fall satt machen kann. Also strebe ich auf meinem Heimweg nach dem Theater und einem netten Dinner zusammen mit erstaunlich vielen, zum Teil recht spärlich bekleideten jungen Menschen in den Supermarkt im Keller des MyZeil. Der Sonderstand mit den leckeren Käsecremes hat schon zusammengepackt. Der junge Mann grüßt mit einem bedauernden „Montag wieder! – Dann alles ganz frisch!“. Hmm, heute also nicht mehr frisch. Gut, dass ich nicht schon vor einer halben Stunde da war. Also rein ins Wunderland der vornehmlich luftdicht verschweißten Köstlichkeiten. Der Einkaufskorbbehälter am Eingang des Supermarkts ist leer, aber es gibt noch Einkaufswagen. Eigentlich mag ich keine Einkaufswagen, weil mit ihnen die Gefahr groß ist, dass ich mehr kaufe als ich tragen kann … aber das nur nebenbei. Am Leergutautomaten hat sich eine kleine Schlange gebildet und erschwert den Durchgang. Einige haben riesigen Taschen mit leeren Flaschen und Dosen dabei – die Ausbeute des heutigen Tages. Der/die eine oder andere könnte mal wieder eine Dusche vertragen. Ein frischrasierter Herr im Anzug, ebenfalls bepackt mit viel Plastik und Blech, macht mir den Weg frei und lächelt mir zu – irgendwie passt er nicht so recht in die Schlange. Ich gehe im Kopf meine Einkaufsliste durch. An den Obst- und Gemüseregalen ist kein Mensch zu sehen. Offenbar kauft man zu dieser Zeit nix Gesundes. Ich schnappe mir einen Beutel Saftorangen und wende mich gen Frischetheke und den nicht verschweißten Leckereien zu. Hinter dem Verkaufstresen steht eine junge Frau und gähnt – kein Wunder: Auch für sie ist es bereits halb zwölf. Sie versucht mich davon zu überzeugen, dass der vorgeschnittene Parma genauso gut und frisch ist wie der am Stück. Ich bleibe standhaft, verkneife es mir jedoch, meinem „150 Gramm bitte“ ein „Aber bitte schön dünn“ hinterzuschicken. Schön dünn werden die Scheiben trotzdem. Beim Käseabschneiden antworte ich auf ihr „So?“ schon fast automatisch: „Etwa halb so viel“. Warum ist eigentlich für professionelle Käseabschneider immer 250g die kleinste Einheit? Muss das Ergebnis eines Verkaufstrainings sein. Jetzt rüber zum Fischangebot, begleitet von der Verkäuferin, die offenbar um diese Zeit für alle offenen Lebensmittel verantwortlich ist. Die Fischsalate überzeugen mich ebenso wenig wie der Graved Lachs – stehen wohl auch schon eine Weile, aber wer braucht schon Heringssalat zum Frühstück. Und für den Lachs greife ich später ins Regal. Während ich noch mit mir ringe, ob Räuchergarnelen eine gute Idee sind oder nicht, dringt eine Jungmännerstimme in mein Ohr „Ey, Alter, auch hier! Geil – was geht?“ Sie gehört einem mittelschwer angetrunkenen Bub, der so aussieht, als dürfte er eigentlich gar nicht hier sein. Sein Kumpel, „Alter“, wirkt kaum älter. Ich entscheide mich für die Garnelen, als von rechts eine ältere Dame mit lavendelfarbenen Haaren herantrippelt und an der Käsetheke Position bezieht. Irgendwo hat sie einen Einkaufskorb ergattert. Noch während die Verkäuferin meine entschalten Schalentiere abwiegt und ich staune, wie wenig in diesem Fall 100 Gramm sind, ruft die alte Dame ein bisschen schrill: „Fräulein, sind Sie auch für Käse zuständig?“. Die junge Frau lächelt gelassen (vielleicht auch nur erschöpft) und ruft zurück „Moment Frau Peters, ich komme gleich“. Mich klärt sie auf: „Die kommt jeden Abend um diese Zeit und kauft drei Scheiben Käse für sich und 40 Gramm Kalbsleberwurst für ihre Katze Minka, die eigentlich ein Kater ist“. Da soll noch mal einer sagen, in den Supermärkten der City herrsche Anonymität. Ich ziehe weiter zum Michprodukteregal; auch hier kaum ein Kunde auszumachen. Bin mal wieder überwältigt von der Auswahl und muss mich zunächst orientieren. Wer braucht bitte sieben verschiedene Sorten „Frischkäse natur“? Während ich noch zwischen 10% und 20% Fettanteil schwanke (am Ende wird es der mit den 20%), passieren mich viele gut gelaunte Menschen mit leeren Händen und ohne Einkaufsbehältnis. Was machen die hier? Findet an den Eistruhen vielleicht eine Party statt? Da wäre ich glatt dabei. Am Joghurtregal wieder das Auswahlproblem. Neben mir steht eine geradezu kriminell schlanke junge Frau, die sich die Nährwertangaben jeder einzelnen Sorte durchliest. Ihre Wahl fällt auf fünf Becher von irgendetwas, das mit einer riesigen 0,2% beschriftet ist, bestimmt ganz furchtbar schmeckt aber perfekt zu den DuDarfst-Würstchen in ihrem Wagen passt. Ich habe mich unterdessen für ein Milcherzeugnis nach griechischem Rezept entschieden, die einzige traditionell hergestellte Milch aus den sieben angebotenen Sorten herausgefischt, den Lachs meines Vertrauens gefunden und zehn jüngere Geschwister meiner glücklichen Eier ausgewählt. Auf meinem Einkaufszettel im Kopf ist alles abgehakt. Ich schlendere also weiter dem Gemurmel in der Nähe der Kasse entgegen. Langsam werden die Gänge voller. Kurz bevor ich zur Zahlstelle abbiege, fällt mir ein, dass Sekt zum Frühstück eine nette Idee wäre, und da ich schon mal hier bin, kann ich auch gleich ein Fläschchen Tonic mitnehmen. Vielleicht genehmige ich mir nach dem gelungenen Einkauf zuhause noch einen kleinen Gin dazu. Hier zwischen den Getränkeregalen finde ich die Antwort auf die Frage, wo die Teens und Twens alle hinwollten: Zwei junge Mädchen diskutieren, ob sie ihren Wodka mit normalem Red Bull oder mit der Light-Version verlängern sollen. Ein älterer Herr studiert die Etiketten und Preise aller angebotenen Weinbrand-Sorten, ein etwas unruhig wirkendes Paar steht ratlos vor der Champagner-Auswahl und entscheidet sich dann für den Gang zum Kühlregal – offenbar ein dringender Fall. Von weiter hinten höre ich das Geräusch einer zerbrechenden Flasche, gefolgt von einem deftigen „Ey Scheiße, Alter!“ Ich glaube, den jungen Mann kenne ich. Ich passiere eine Gruppe Mädels, die intensiv ausdiskutieren, ob der echte Baileys wirklich die 6 Euro Mehrpreis wert ist, und da ist auch der rasierte Anzugmann aus der Leergutschlange wieder. Er wirkt ebenfalls einigermaßen unentschlossen. Ich schnappe mir eine Flasche Gräger und will jetzt wirklich nach Hause. So schnell wird das aber nichts: Megaschlangen an der Kasse, obwohl fast alle Bänder besetzt sind. Ich suche mir die beste aus. Die Wahl der Kasse ist eine Wissenschaft für sich: Nicht alle Kassiererinnen sind gleich schnell, die Kunden haben unterschiedlich viel eingekauft, und die Bänder stehen versetzt. Nicht selten erweist sich die auf den ersten Blick kürzeste Schlange am Ende als die längste. Zufrieden mit meiner Entscheidung sehe ich gelassen dem Ende meiner nächtlichen Lebensmitteleroberung entgegen. Aber heute haben mir meine wundervollen klugen Vorüberlegungen nichts genutzt. Als erstes gehen der Kassiererin die kleinen Scheine aus. Sie greift zum Mikrofon: „Herr Volkert, bitte abschöpfen und kleine Scheine an Kasse 4“. „Abschöpfen“ gefällt mir. Herrn Volkert offenbar auch. Er ist blitzschnell zur Stelle. Dann gibt es Streit zwischen ein paar Jugendlichen darüber, wer mit seinem Taschengeld für die Rechnung aufkommen muss, kurz darauf funktioniert das EC-Kartenlesegerät nicht – auch nicht beim siebten Versuch. Hier kann Herr Volkert nicht helfen. Der Einkauf muss an der Nachbarkasse neu eingegeben werden. Die Kundin ist sauer. Aber allmählich kann ich das Gesicht der Kassiererin erkennen. Das Ende naht. Ich packe meine gesammelten Frühstückszutaten auf das Band als mir plötzlich Rasierwasserduft in die Nase steigt. Hinter mir steht der Anzug-Mann mit dem Ergebnis seiner Einkaufsüberlegungen: eine Flasche Billig-Gin. Er lächelt mich an. Weil ich ein freundlicher Mensch bin, lächele ich zurück. Das scheint er misszuverstehen. „Du scheene Frau. Siehst Du? Gin und Tonic … passt gutt. Du haben Lust auf trinken zusammen?“ Ich danke freundlich aber ablehnend, aber er gibt noch nicht auf. „Warum nicht wollen? Du allein, ich allein – mache scheene Abend, habe Spaß bisschen. Ich guter Mann.“ Mit meinem diesmal energischen „Nein, ganz bestimmt nicht“ bin ich glücklicherweise an der Kasse angelangt und jeder weiteren absurden Diskussion enthoben. Ich zahle cash, damit sich mein Aufenthalt nicht noch durch das ja offenbar heute etwas labile Kartenlesegerät verlängert. Beim Einpacken höre ich die Kassiererin sagen: „Da fehlen noch 15 Cent.“ Vor ihr liegt die Barschaft des unternehmungslustigen Herrn: ein 5-Euro-Schein, der Bon aus dem Leergutautomaten und viele kleine Münzen. Der „gute Mann“ sieht ziemlich verzweifelt aus, kramt in seinen Anzugtaschen, blickt hilflos um sich, zuckt mit den Schultern. Ich fasse mir ein Herz, gebe ihm 15 Cent und mache mich rasch aus dem Staub. Im Weggehen höre ich ihn noch rufen „Danke, Du sein gute Frau!“

To Protest or Not to Protest

09 Montag Feb 2015

Posted by anette quentel in (Zwischen)menschliches, Protest

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Blog, Protest, Quentel

Empört Euch, engagiert Euch, macht Euch öffentlich! Protestiert, demonstriert, setzt „likes“ und unterschreibt Petitionen – bewegt was! Das ist die neue Stimmung im Lande. Wer nicht offen Position bezieht, ist ignorant. Wer sich nicht laut dagegen ausspricht, gilt als dafür. Wer noch nie auf einer Anti-Pegida-Demo war, gerät in Gefahr, als rechts wahrgenommen zu werden, und überhaupt wird jeder Satz einem „Sympathisanten-Test“ unterzogen. McCarthy lässt grüßen. Jaja, ich weiß, der Vergleich hinkt.

Der Druck, Stellung zu beziehen steigt – politisch und ethisch. Ich will aber nicht immer öffentlich auf das Schärfste verurteilen, mich nicht lautstark distanzieren, schon gar nicht unter (Tugend)druck.

Verstehen Sie mich jetzt bloß nicht falsch: Ich finde es grundsätzlich gut, für seine Werte und Überzeugungen auf die Straße zu gehen, und sich zu engagieren. Ich war auf der Anti-Pegida-Veranstaltung auf dem Römer vor 14 Tagen und habe auch die eine oder andere Petition gegen Rechts oder gegen Gewalt unterschrieben, die mir sinnvoll erschien, aber ich will nicht moralisch dazu verpflichtet werden, das tun zu müssen.

Ja, auch ich bin manchmal empört, aber ich empöre mich nicht so schnell. Ich bin streitfest, muss mich aber nicht immer gleich streiten. Ich zettle keine Revolution an, nur weil ich gerade einen revolutionären Gedanken hege und habe auch nicht immer das Bedürfnis meinen Gegnern sofort etwas zu entgegnen. Ich gehe nicht auf die Straße, nur weil das jetzt alle tun. Ich schreibe selten Leserbriefe, habe noch nie einen Zeitungsartikel kommentiert, provoziere nicht und urteile nicht vorschnell über andere, nur weil ich gerade ihr Verhalten nicht verstehe oder ihre Meinung nicht teile.

Aber macht mich das zu einem Ignoranten oder gar zu einem Schlechtmenschen?

Ob meine Freunde Juden, Christen oder Moslems sind, weiß ich in den meisten Fällen gar nicht. Ob sie schwarz oder weiß, alt oder jung, Mann oder Frau oder ein bisschen von beidem sind, ist mir völlig egal. Wenn mich jemand braucht, bin ich da. Aber wenn ich merke, dass jemand meine Grundwerte nicht teilt, gehe ich auf Distanz und sage ihm/ihr warum – ganz leise und nur ihm/ihr.

Ich sage meine Meinung, wenn ich mir eine gebildet habe – im kleinen Kreis, oder wenn ich darum gebeten werde. Ich plappere keine Parolen nach, betreibe keine Stammtischpolitik. Ich tue nichts, wenn ich nicht voll davon überzeugt bin, und lasse mir nichts tun, was ich nicht will. Ich überlege, welche Konsequenzen mein Handeln und meine Worte für andere Menschen haben (meistens zumindest). Und ich gehe dazwischen, wenn jemand ungerecht behandelt wird, schlage mich auf die Seite von Schwachen, wenn sie von Stärkeren in Bedrängnis gebracht werden, greife Leuten unter die Arme, die eine Stütze brauchen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich schon immer Charlie war – und Tuğçe und Anne und Alan. Wer daran zweifelt, kann mich fragen.

Ich schlage die kleinen Schlachten, für die manche vor lauter Verurteilen, Distanzieren und Protestieren leider keine Zeit mehr haben. Von meiner Sorte gibt es viele und niemand von uns will sich für diese „Ignoranz“ schlecht fühlen müssen.

Bild: Ausschnitt aus „Kampfhähne“ von Peter Ostermeyer

To Facebook or Not to Facebook

02 Montag Feb 2015

Posted by anette quentel in (Zwischen)menschliches, Facebook

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Blog, facebook, Quentel

Facebook? Ich? Niemals. Ich will keine virtuellen Freunde, keine Nachspürer, will mich nicht im Netz neugierigen Blicken preisgeben, in Werbefluten versinken. Ich will auch nicht immer genau wissen, welcher meiner leibhaftigen Freunde und Bekannten, die auf Facebook unterwegs sind, wann was macht, wer sich gerade wo befindet und wer gerade was mit wem isst. Und niemand soll all dies von mir lesen müssen. Dessen war ich mich sicher, spätestens nach diesem Schlüsselerlebnis: Eine Freundin berichtete im kleinen Kreis vor zweieinhalb Jahren im Sommer, dass sie sich am Wochenende ihre sekundären Geschlechtsmerkmale versengt hatte, wie man so etwas halt unter Mädels erwähnt. Sie hatte es kaum ausgesprochen, als es aus dem Munde einer der Anwesenden tönte „Ja, ich weiß, hab‘ ich auf Facebook gelesen.“ Das waren also die Dinge, die man einander dort mitteilt. Nein, das war nichts für mich – never. Ja, so war das vor zweieinhalb Jahren. Seitdem hat sich vieles geändert. Unter anderem habe ich begonnen, hier auf WordPress Texte zu veröffentlichen. Wer schreibt, will gelesen werden. Werde ich aber nicht. Das sagen mir die (anonymen) Zahlen auf der Statistikseite. Wie sollte ich auch? Es weiß ja kaum jemand davon. Aber wie macht man einen Blog publik? Ich könnte an alle Menschen, die ich kenne, eine Rundmail schreiben und sie darauf hinweisen, dass es eine Webseite mit Texten von mir gibt. Aber in Sachen Eigenwerbung war ich noch nie gut. Viel besser gefiele es mir, wenn die Leute nebenbei davon erführen und meinen Blog besuchten, weil es sie wirklich interessiert, nicht nur aus Pflichtgefühl. Und ich möchte Feedback, will wissen, wie meine Texte ankommen, was ich besser machen kann oder ob ich die Schreiberei lieber doch wieder auf ein „geheimes Logbuch“ beschränken sollte, weil die Sachen, die ich so niederschreibe, niemanden interessieren. Also habe ich nochmal nachgedacht – auch über Facebook. Ich habe in Sachen Privatsphäre recherchiert und war erstaunt, was man so alles verbergen kann. Wochenlang habe ich den Gedanken an einen Facebook-Account mit mir herumgetragen. Schließlich wirft man Prinzipien nicht leicht über Bord, vor allem, wenn man, wie ich, aus ihnen nie ein Geheimnis gemacht hat, aber … I did it! Letzte Woche habe ich einen Account angelegt – unter meinem richtigen Namen und mit einem echten Bild von mir, denn dieses Blogs wegen will ich ja gefunden werden, gerne auch zufällig. Dann habe mich in die Privatsphären-Einstellungen vertieft, das allermeiste von „öffentlich“ auf „nur Freunde“ oder „nur ich“ umgestellt. Ich werde die „Enge-Freunde-Liste“ nutzen und plane, eine „Business-Liste“ anzulegen, sobald ich mal eine Freundschaftsanfrage von jemandem bekomme, mit dem ich nur geschäftlich Kontakt habe(n will). Ja, ich habe jetzt einen Facebook-Account, aber ich werde nicht aus Versehen eine Partyeinladung an die Welt schicken, nicht posten, dass ich eine Käsestulle esse, einen zweiten Gin Tonic trinke oder wo mir gerade ein Pickel wächst. Ich stelle keine Bilder aus glücklichen Tagen ein, klicke nicht unüberlegt irgendwo auf „gefällt mir“ und nutze alle Möglichkeiten, Werbung zu verhindern. Und ganz sicher werde ich, hier wie dort, nur eigene persönliche Dinge ausplaudern (wenn überhaupt), nie den Namen anderer nennen (es sei denn, es ist mit ihnen abgesprochen) und die Öffentlichkeit auch nicht wissen lassen, wer meine FFreunde sind. Denn Privatsphäre ist immer auch die Privatsphäre der anderen. Und ich weiß sehr genau, dass FFreunde etwas anderes sind als richtige Freunde, es aber durchaus eine Schnittmenge gibt. Also dann: Wir sehen uns auf Facebook!

Neulich bei Conrad

01 Sonntag Feb 2015

Posted by anette quentel in Beobachtungen, Conrad, People & Places

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Blog, Conrad, Quentel

Samstagvormittag: Der Laden ist knallvoll mit Menschen und es kommen immer mehr – so viele, dass die Eingangsklappschranke gar nicht mehr zugeht, was einige dazu bewegt, sie als Ausgang zu nutzen. Das hatte sich der Shopdesigner sicher anders vorgestellt, und hilfreich ist es auch nicht. Ich frage mich, wie dringend ich die Glühbirne wirklich brauche, seufze ein heimliches „dringend genug“ und werfe mich heroisch ins Gewühl. Anstatt schnurstracks auf das Glühbirnen-Regal zuzugehen, lasse ich mich ablenken: Was es nicht so alles gibt … und wer braucht die ganzen technischen Spielereien? Offenbar viele, sonst wäre es hier ja nicht so voll. Ich schaue mir der Ordnung halber die Handy-Etuis und ‑Halter für’s Auto an. Für Blackberrys gibt’s nix – überrascht mich nicht, für Blackberrys gibt es fast nirgendwo etwas. Kein Wunder, dass ich immer mal gefragt werde, wann ich mir denn endlich ein „richtiges“ Handy zulege. Ich lasse mich weiterschieben, vorbei an einer Auswahl von Telefongeräten (werden wohl irgendwann aussterben), Adaptern für so ziemlich alles (außer für Blackberrys, versteht sich), kabellosen Türklingeln mit den tollsten Geräuschen (nein, ich möchte nicht, dass sich meine Besucher mit einem Froschquaken ankündigen), Heizkörperreglern mit Fernbedienung, damit man nicht mehr von der Couch aufstehen muss, wenn einem vom vielen Sitzen zu kalt geworden ist, Überwachungskameras (So klein sind die mittlerweile? Wer weiß, wie oft ich schon „überwacht“ wurde, ohne es zu merken.), fröhlich-bunten Schrumpfschläuchen … Irgendwo setzt das ohrenbetäubende Piepsen einer Alarmvorrichtung ein. Kann das bitte mal jemand abstellen? Kann niemand, zumindest nicht in den nächsten zwei Minuten. Ok, und eigentlich will ich ja auch nur eine Glühbirne, also weiter. Im Vorbeigehen schnappe ich mir aus zweiter Reihe noch einen 3er-Steckdosenadapter (dachte, die seien in Deutschland gar nicht mehr zugelassen) und dann ab nach links hinten – oh je: vier Regale voller Glühbirnen. Das ist ja wie bei den Joghurts im REWE. Von hinten trifft mich ein Rucksack, von der Seite ein Ellbogen. Ich trete beiseite und der Rucksackträger straft mich mit einem bösen Blick. Er mich! Ich lächle gequält, sage aber nichts und verhindere so einen Streit. Ich will nur eine Glühbirne. Um das Sortiment in Gänze zu begutachten, muss ich zwischendurch immer wieder in die Hocke gehen und bekomme in dieser Position irgendein Knie an die Schulter gedrückt, das, als ich Gegendruck erzeuge, schweigend in der Menge verschwindet. Eine junge Frau murmelt „Sorry“ und schiebt mich beiseite – will wohl auch Leuchtmittel und hat es offenbar eilig. Unterdessen ertönt wieder ein ohrenbetäubendes Piepsen. Ich rutsche auf Knien nach links, um der Frau einen flinken Glühbirnenzugriff zu ermöglichen, und sie dadurch schnell wieder von meiner Seite zu wissen. Auf einmal blicke ich in das Gesicht eines kleinen Mädchens, das trotzig die Lippen zusammenkneift. Ihre Mutter redet auf sie ein: „Lenchen, mach die Hand auf. Ich muss doch dem netten Mann hier zeigen, was für eine Batterie wir brauchen, sonst kann er uns nicht helfen“. Der Verkäufer in optimistischem Blau zwingt sich zu einem geduldigen Lächeln, aber seine Finger zappeln ziemlich nervös. „Marlenchen, sei lieb, mach die Hand auf.“ Marlenchen will nicht. „Marlenchen, gleich gehen wir eine Waffel essen, ja?“ Keine Reaktion. „Marlene, jetzt ist aber Schluss! Gib der Mama die Batterie. Los, mach die Hand auf!“ Mama kniet jetzt auch und redet immer vehementer auf die Kleene ein, die kräftig den Kopf schüttelt, so dass die Löckchen lustig wippen. Mama hat genug. Mit sanfter Gewalt öffnet sie die kleine Faust des Mädchens. Marlene setzt zum Greinen an, beruhigt sich aber schnell wieder. Offenbar spürt sie, dass das jetzt keinen Sinn hätte. Aus der kleinen verschwitzten Kinderhand kommt eine winzige Knopfzelle zum Vorschein. Der Verkäufer, sichtbar erleichtert, dass er jetzt endlich helfen darf, meint mit einem prüfenden Blick: „Nee, tut mir leid, da müssen Sie zu Ihrem Autohersteller …“ Mama bedankt sich leicht frustriert und zieht mit Lenchen ab. Zurück zu meiner Glühbirne. Nach etwa fünf Minuten finde ich, was ich suche – natürlich nicht ganz unten, sondern ganz oben an der Wand. Hoppla, 12,95 Euro soll das Wunderwerk der Energiespartechnik kosten. Wie lange wird es wohl dauern, bis ich die 12,50 Mehrkosten gegenüber einer guten alten Glühfadenlampe durch den geringeren Energieverbrauch eingespart habe? Könnte ich ausrechnen, will ich aber nicht. Habe sowieso keine Wahl. Jetzt nichts wie weg zur Kasse. Auf halbem Weg dorthin fällt mir auf, dass ich eine Birne mit dem falschen Gewinde erwischt habe – also zurück, nochmal suchen, finden und wieder zur Kasse, wo mich erwartungsgemäß eine Schlange erwartet. Erneut stelle ich mir die Frage, wie dringend ich die Birne brauche. Aber jetzt aufgeben? No way. Nach gefühlten zehn Minuten setzt mal wieder ein ohrenbetäubendes Piepsen ein. Der Mann hinter mir meint, der Piepton sei in allen Conrad-Filialen gleich. Ihm ist langweilig, mir auch. Wir kommen also ins Gespräch über lautstarke Alarmsysteme und ihre Notwendigkeit – ohne Ergebnis, aber so lässt sich die Wartezeit verbringen. Als sich das Gespräch zu erschöpfen droht, fällt ihm auf dem Nebenband der Einkauf eines Mannes auf: „Oh, da scheint jemand Modellflugzeuge zu bauen“. Ich antworte, dass sich mir der Reiz des Modellflugzeugesteigenlassens bislang noch nicht erschlossen habe. Er klärt mich auf, dass ich das wohl sowieso nicht könnte – als Frau. „Ach ja? Warum denn das?“ Das läge daran, dass man dazu dreidimensional denken müsse, und damit täten sich Frauen naturgemäß schwer (Stichwort Einparken). Ich muss grinsen und entgegne, ihn ein bisschen auf den Arm nehmend, dass das bestimmt daran läge, dass sich die Frauen in der Steinzeit nur in der Höhle aufgehalten hätten und ansonsten für das Beerensammeln zuständig gewesen seien, so dass sich bei ihnen diese Fähigkeit wohl nicht so gut entwickelt hätte, wie bei den Männern, die ja auf der Jagd bewegliche Ziele treffen mussten. Das erscheint ihm einleuchtend, aber er berichtet auch noch sehr überzeugt von irgendwelchen Studien, nach denen die Gehirnhälften von Frauen miteinander verknüpft seien und die von Männern nicht. Dabei versucht er die Kurve zu kriegen und verweist wohlwollend darauf, dass Frauen deshalb die meisten Dinge viel besser könnten als Männer. „Aber Modellflugzeugfliegenlassen und Einparken gehören nicht dazu“, entgegne ich mit einem ironischen Lächeln. Er versteht die Ironie nicht, sondern nickt zustimmend. Innerlich schütte ich mich vor Lachen aus. Nach ein paar Umwegen über einige sehr abstruse Theorien zum Thema „natürliche“ Unterschiede zwischen Männer- und Frauen-Talenten, will er mir noch weismachen, dass sich Frauen viel besser unnütze Dinge merken könnten als Männer. Ich frage ihn, ob er das Buch „Nichts kann ich mir am besten merken“ von Tim Frühling kenne. Er kennt es nicht, will es aber jetzt unbedingt lesen. Der wird sich wundern. Mittlerweile sind wir bis zur Kasse vorgerückt. Er wirkt ein bisschen enttäuscht. Offenbar redet er gerne mit zweidimensionalen Menschen, deren Kopf voll von unnützem Wissen ist. Ich wünsche ihm noch ein „schönes dreidimensionales Wochenende“, und er gibt mir ein „Viel Spaß beim Elektrogeräte einstöpseln“ auf den Weg – er hatte wohl auch meinen Einkauf gescreent und dabei sicher viel nützliches Wissen erworben. Belustigt lenke ich meine Schritte gen Konstabler Markt. Demnächst bestelle ich meine Glühbirnen im Internet.

Neulich im Zootheater

26 Montag Jan 2015

Posted by anette quentel in Beobachtungen, People & Places, Zootheater

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Anette Quentel, Blog, Theater

Ja, ich weiß, „Zootheater“ ist ein wenig despektierlich, denn eigentlich heißt die Bühne ja mittlerweile „Fritz Rémond Theater im Zoo“. Aber hier in Frankfurt weiß jeder sehr genau, was mit „Zootheater“ gemeint ist, also bleibe ich dabei.

Am Freitagabend habe ich mir mit einem Freund „Ziemlich beste Freunde“ angesehen. Vorletzte Vorstellung nach durchweg guten Kritiken. Dementsprechend hoch waren unser Erwartungen, zumal uns der Film begeistert hatte und wir sehr gespannt waren, wie sie den Stoff auf der Bühne umsetzen würden.

Der Ticketkauf war fast schon ein Theaterstück für sich. Weil ich ahnte, dass es voll werden würde, habe ich mit einer Woche Vorlauf geplant. Ich kaufe Tickets immer online, ein Service, den auch das Zootheater bietet. Dumm nur, dass man sich hier die Plätze nicht aussuchen kann. Man bucht eine Kategorie und muss sich dann darauf verlassen, die besten verfügbaren Plätze dieser Kategorie zugeteilt zu bekommen. Bei irgendetwas nicht die Wahl zu haben, ist für mich ja immer suboptimal, und woran genau die Güte der Plätze gemessen wird, weiß man leider auch nicht. In diesem Fall kam erschwerend hinzu, dass ich zunächst nur ein Ticket gekauft hatte und jetzt ein zweites brauchte. Zwei Menschen, die miteinander ins Theater gehen, möchten in der Regel nebeneinander sitzen. Das geht bei diesem Online-System natürlich nicht. Also rief ich direkt im Theater an. Da wird doch sicher was zu machen sein, dachte ich…

Die Dame offenbar sehr im Stress. Jedenfalls fehlt ihr die Zeit, mich aussprechen zu lassen. Ich begann mit dem Hinweis, dass ich ein Ticket online gekauft hatte und gerne ein zweites hätte … wurde aber sofort unterbrochen. „Also mit dem Indenet, da hab‘ isch ja ma gar nix am Hut, und außerdem is‘ heut‘ sowieso alles ausgebucht“. Das war nicht meine Frage. Ich wollte ein Ticket für die folgende Woche und zwar für einen der Plätze neben mir. Zu diesem Zeitpunkt war ich leichtfertigerweise noch davon ausgegangen, irgendwo mittendrin zu sitzen. Nach zwei weiteren Anläufen war meine Botschaft angekommen. „Ei, dann muss isch halt ma‘ gugge – eigendlisch hab‘ isch ja grad‘ gar kei‘ Zeit für so ebbes – also wo sitze‘ Se jetzt?“

Wie sich herausstellte, war für mich ein Platz in der letzten Reihe der von mir gebuchten 1. Kategorie ganz außen vorgesehen. Hmm, das war also gestern der „beste verfügbare Platz“ gewesen. Kann sein, kann nicht sein. Wie sich außerdem herausstellte, gab es mittlerweile in meiner Kategorie gar keine Plätze mehr, wohl aber noch einen einzelnen Sitz drei Reihen dahinter. „Aber mittisch is des au‘ net.“ Gut, wir wollten das Stück sehen, von wo aus auch immer: Also dann eben jener einzelne Sitz. Angesichts der offenkundigen Hektik im Kassenbüro habe ich dann noch nicht einmal gefragt, welchen Platz ich denn jetzt genau gebucht hatte. Und bevor sie mir das Ticket am Ende wieder wegnahm, habe ich der Dame dann auch noch versprochen, es spätestens eine Stunde vor Vorstellungsbeginn abzuholen. Als ich ihr noch einen schönen Tag wünschen wollte, hatte sie schon aufgelegt.

Ich war am Vorstellungabend also schon um sieben Uhr dort. Das Theater war noch ganz leer. Wie haben es wohl die anderen Ticketbewerber hingekriegt, nicht schon so früh da sein zu müssen? Persönliche Vorsprache vor Ort? Blumenbouquet? Pralinenschachteln? Diamanten? An der Kasse neben mir stand ein blonder Mann, den ich schon mal irgendwo gesehen hatte. Nach einem zweiten Blick die Erkenntnis: Das war Sigmar Solbach, die Hauptrolle. Ein Ticket musste er nicht kaufen, aber sich offensichtlich in eine Liste eintragen. Ob die Schauspieler hier wohl nach Anwesenheit bezahlt werden? Aber dann wäre er doch sicher nicht erst eine Stunde vor Arbeitsantritt aufgetaucht. Vielleicht war das auch gar keine Anwesenheitsliste, sondern die Pizzabestellung für die Pause, oder eine Unterschriftensammlung der Schauspielergewerkschaft … na, egal.

Auf meinem Spaziergang durch das Zooviertel – weil wir erst um Viertel vor acht verabredet waren, hatte ich ja massig Zeit – habe ich gleich mal gecheckt, ob der Koch des für nach der Vorstellung ins Auge gefassten Restaurants Leon d’Oro auch zu später Stunde noch bereit sein würde, seines Amtes zu walten (man kann ja nie wissen). Er war bereit!

Zurück im Theater war das Haus bereits knallvoll und ich wurde schon erwartet. Ein bisschen später dran zu sein als die meisten, hat aber den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass es keine Schlange an der Garderobe gibt. Der Großteil der Besucher tummelte sich bereits mit Sektchen in der Hand im Vorraum des Zuschauerraums. Eine bunte Gesellschaft: viele Paare, einige Gruppen und – anders als im Schauspiel, wo ich mich öfter auch mal alleine einfinde, ohne aufzufallen – kaum Einzelgucker. Zootheaterbesuch scheint ein Gemeinschaftsevent zu sein. Der Altersschnitt ist höher als im Schauspiel, und einige hatten sich richtig fein gemacht. Sogar das eine oder andere Cocktailkleidchen war auszumachen. Ein paar Damen kamen frisch vom Frisör und/oder hatten der Kosmetikindustrie offensichtlich einen ordentlichen Umsatz beschert. Aber es waren auch Jeans mit Löchern, H&M-Designteile und Plastikhandtäschchen mit Louis-Vuitton-Schriftzug auszumachen. Zootheater ist Kultur für alle.

Weil wir mächtig gespannt auf den zweiten Sitzplatz waren und die Vorstellung ohnehin schon in zehn Minuten beginnen würde, gingen wir gleich rein. Ach, eigentlich hätten wir es ja ahnen können. Der telefonisch georderte Platz war in der 8. Reihe ganz außen. Trotzdem schmunzelnd und in Erwartung „wahrer Bühnenkunst“ (so steht es auf der Webseite des Theaters) machten wir es uns auf unseren Einzelsitzen bequem. Neben mir saß ein kräftiger Herr, neben ihm seine ebenso kräftige Begleiterin. Ich platzierte mich mit einem freundlichen: „Guten Abend, ich bin heute Abend ihre Nachbarin“. Sofort mischte sie sich ins gar nicht intendierte Gespräch: „Na, vielleicht sollte ich das gleich mal ändern“. Sollte wohl witzig sein. Als ich leichthin antwortete: „Keine Sorge, ich bin ganz harmlos“, konterte sie mit: „Das sagen sie am Anfang alle.“ Hat wohl schlechte Erfahrungen gemacht, die Lady oder auch einfach nur einen etwas schrägen Humor. Ein Bonbon hat sie mir später trotzdem angeboten. Und nach einem zweiten Blick auf meinen Nachbarn halte ich eventuelle Sorgen ihrerseits auch für recht überflüssig – mal so unter uns gesagt.

Nachdem das Claus-Helmer-Band auf bewährt launige Art mittels eines kleines Hörspiels, bei dem es um die Schande eines Telefonklingelns während der Vorstellung geht, um das Ausschalten der Mobiltelefone gebeten hatte, ging es endlich los. Vorhang auf.

Das Bühnenbild: ein Salon mit stilvoller Tapete, aber quasi ohne Möbel. Alles andere hätte den Herrn Solbach als Philippe in seinem Monster von einem mundgesteuerten Rollstuhl auch arg in die Bredouille gebracht. Um das Ding zu manövrieren, braucht man Platz, und die Dimensionen stecken ja auch schon im Namen des Herstellers: Paravan – die Ähnlichkeit mit dem Wort Caravan ist sicher kein Zufall. Die ersten politisch unkorrekten Scherze und Kalauer über die Tatsache, dass Philippe nur seinen Kopf bewegen kann, waren ja noch ganz unterhaltsam, eben weil politisch inkorrekt, aber das hatte sich schnell überlebt und ging mir bald nur noch auf die Nerven. Die Rolle ist eine echte Herausforderung, weil der Schauspieler, um sich auszudrücken, nur Sprache, Kopf und Mimik hat. Herr Solbach machte davon aber so ausgiebig Gebrauch, dass ich spätestens nach einer halben Stunde gar keine Lust mehr hatte, ihm beim Grimassenschneiden und Extrembetonen zuzugucken und zu hören. Was für ein Unterschied zu der großartigen Darstellung des Philippe im Film. Daran, dass im Boulevard-Theater alles ein bisschen „größer“ und offensichtlicher gespielt wird, bin ich ja mittlerweile gewöhnt, aber dass das auch geht, wenn man auf Mimik und Sprache beschränkt ist, war eine echte (böse) Überraschung.

Der „ziemlich beste Freund“, gespielt von Peter Marton, war erheblich überzeugender, aber auch ihm war seine Rolle als Underdog nicht gerade auf seinen gestählten Leib geschrieben. Woher ich das mit dem „gestählt“ weiß? Nein, ich nutze hier nicht etwa irgendwelche Insiderinformationen. Als er irgendwann auf der Bühne sein T-Shirt lupfte, kam ein beachtlicher Six- bzw. Eight-Pack zum Vorschein. Weil diese Demonstration dramaturgisch nicht nötig gewesen wäre, frage ich mich zugegebenermaßen boshaft und mit einer gehörigen Portion „Neid der Besitzlosen“, ob er sich wohl hat vertraglich zusichern lassen, das Ergebnis seines sicher harten Trainings präsentieren zu dürfen, oder ob das eine Idee der Regisseurin war. Nein, ganz im Ernst, er hat die Rolle gut gespielt. Auch die übrigen Darsteller haben ihre Sache gut gemacht, darunter Kerstin Gähte als Magalie, was aber angesichts der Dominanz der beiden sehr großen Hauptrollen nicht wirklich ins Gewicht fällt. Die „Freunde“ bestimmen das Stück, und wenn einer der beiden nicht überzeugen kann, können die anderen das nicht herausreißen.

Trotzdem ging die Zeit bis zur Pause recht schnell vorbei und ja, ich habe auch ein paar Mal gelacht, vor allem in der ersten Viertelstunde. Im 2. Teil tauschten wir die Plätze. Ich landete wieder neben einem Paar, dessen weiblicher Teil mich fragte, wo denn meine „bessere Hälfte“ abgeblieben sei? Fragt man das so? Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, was und wie ausführlich ich ihr antworten soll, ging es weiter, aber andere Regungen als ein paar müde Schmunzler konnte mir die Inszenierung im 2. Teil nicht entlocken.

Insgesamt war ich einfach zu enttäuscht darüber, wie sehr die Bühnenfassung und ihre Umsetzung gegenüber dem Film abfielen. Nebenfiguren tauchten unnötigerweise kurz und unmotiviert auf oder wurden nur am Rande erwähnt. Beispielsweise war nach einer Stunde unvermittelt die Rede von Philippes Tochter, von deren Existenz man bis dahin gar nichts wusste. Über die sieben Fehlgeburten seiner verstorbenen Frau war vorher wohl gesprochen worden, von einer lebenden Tochter nicht. Die größte Schwäche der Inszenierung war aber, dass man sich nicht getraut hat, ernste und traurige Momente zuzulassen, die diesen Stoff ausmachen. Alles wirkte aufgesetzt komisch, pseudo-leicht, war bewusst flach gehalten und auf Biegen und Brechen auf lustig getrimmt. Vom feinen Witz der Vorlage keine Spur. Das ist sehr schade und wäre anders möglich gewesen. Und ganz nebenbei hätte irgendjemand Herrn Solbach mal sagen sollen, dass seine kleine Showeinlage beim Applaus (ein pantomimisches „Huch, ich kann ja Arme und Beine bewegen … und sogar aufstehen … na so was“) einfach nur albern war.

Vielleicht hat es die Theaterleitung nicht gewagt, ihrem sicher eher an Komödien gewöhnten Publikum eine andere Art von Humor anzubieten. Aber wenn man dieses Risiko nicht eingehen will, ist es besser, sich auf einschlägige Stücke zu beschränken, als einen tragikomischen Stoff seiner Tragik zu berauben.

Das Zootheater will „die Sinne beleben, zum Nachdenken und Amüsieren verführen“. So steht es auf der Webseite. Das mit dem Amüsieren gelingt hier oft und das mit dem Nachdenken zumindest manchmal. Bei „Ziemlich beste Freunde“ hat beides nicht funktioniert.

Das späte Essen im Leo d’Oro war übrigens sehr lecker.

Neulich im Fitnessstudio

21 Mittwoch Jan 2015

Posted by anette quentel in Fitnessstudio, People & Places

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Anette Quentel, Blog, Fitnessstudio

Nach längerer Zeit ausgeprägter Faulheit und anderer Prioritäten verbringe ich seit Weihnachten wieder öfter mal ein Stündchen oder zwei im Fitnessstudio. So auch letzte Woche. Mein Superstudio liegt über den Dächern der City, und vom X-Trainer aus hat man einen Blick über selbige gen Süden. Mit einem freundlichen Hallo gehe ich den Umkleideraum, alles in glänzendem Weiß und Dunkelbraun – sehr chic. Mein Gruß bleibt unbeantwortet, aber daran bin ich hier gewöhnt. Scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, an das ich mich aber niemals halten werde.

Neben den üblichen Kursen und Gerätschaften bietet das Studio unter anderem ein Schwimmbad (ebenfalls mit Blick über die City), kleine Holzkammern zum Passiv-Schwitzen und sargähnliche High-Tech-Trommeln, um sich bei Bedarf die Haut mit falscher Sonne zu verderben. Man kann Massagen buchen und es gibt einen Bartresen, wo Getränke, Eiweiß-Shakes und Schokoriegel verkauft werden, die ebenso wie die anderen angebotenen Proteinprodukte dem Freizeitsportler absolut nichts bringen, aber sehr lecker schmecken. Für meine mittlerweile knapp 95 Euro Monatsbeitrag bietet das Studio also alles, was das fitnesshungrige Herz begehrt – wie konnte es eigentlich passieren, dass ich die automatische Beitragserhöhungsklausel im Kleingedruckten überlesen habe? Aber ich schweife ab. Jetzt erst mal los auf’s Gerät; schließlich bin ich nicht zum Spaß hier …

Ich habe Glück. Es sind ein paar X-Trainer frei. Ich wähle mir einen mit Blick auf möglichst viele TV-Bildschirme, die hier zu siebt oder acht herumhängen, damit man sich beim Schwitzen nicht langweilt oder im besten Fall sogar vergisst, dass das was man gerade tut ziemlich anstrengend ist. Heute funktioniert das leider nicht. In den kleinen schwarzen Rechtecken flimmern nur Sportreportagen, Musikvideos und ein paar unsägliche Privatsender-Serien. Ich schau mich mal um, was ich eigentlich nicht sollte. Noch so ein ungeschriebenes Gesetz. Neben den Normalos, die aber wenig unterhaltsam sind, tummeln sich hier ein paar sehr bemerkenswerte Menschenexemplare.

Schräg vor mir zum Beispiel sitzen auf winzigen Fahrrädern zwei Vertreter der ziemlich dicken Mädchen und Jungs, die vor allem am Jahresanfang für maximal drei oder vier Wochen auftauchen und sich dann wieder in Luft auflösen, weil sie merken, dass Kuchen und Sahnesoße einfach mehr Spaß machen als Laufband und Foltergerätschaften. Vielleicht tue ich ihnen aber auch Unrecht. Vielleicht suchen sie sich einfach nur ein anderes Studio, weil sie hier besonders gefährlich leben. Die Studioleitung hat nämlich mittlerweile so viele Cardio-Geräte aufgestellt, dass ich meinem Schicksal jedes Mal danke, wenn ich den Weg zum Desinfektionsmittelspender und zurück zwischen all den ausgestellten Ellbogen und um sich schlagenden X-Trainer-Griffen lebend überstanden habe – und ich gelte gemeinhin als schlank. Die Lebensgefahr steigt überproportional zur Kleidergröße.

Lächeln muss ich über das putzige 1,60-Meter-Männlein, das tapfer mit wilder Hantel-Arbeit (max. 2 kg, wenn ich das richtig sehe) sein Napoleon-Syndrom bekämpft. Er guckt alle zwei Minuten an sich runter, ob man schon was sieht und blickt sich dann verlegen um, ob ihn jemand beim prüfenden Blick ertappt hat. Nein mein Kleiner, man sieht noch nix, und ja, ich habe Dich ertappt!

Die jungen schlanken Mädels in ihren Marken-Stofffetzen sind dagegen wirklich nett anzusehen. Da bleiben manchmal keine Fragen offen, sag ich Euch. Sie wirken so, als müssten sie eigentlich gar nicht hier sein, aber vielleicht täuscht das. Wahrscheinlich sehen sie nur so gut aus, weil sie hier sind. Mein Blick bleibt allerdings irritiert an einem etwas zu blonden Exemplar in einem Nichts von rosa Trägerhemdchen hängen, das sich ziemlich gefährdet über ihre beiden 300-Gramm-Silkonkissen spannt. Sie prüft alle zehn Minuten mit einem lila Handspiegelchen (ich sehe tatsächlich Swarovski-Steinchen blitzen), ob das Make-up noch in Ordnung ist und checkt zwischendurch mehrfach, ob sie auch gesehen wird – wird sie und nicht nur von mir.

Zwei Reihen hinter ihr spazieren nämlich zwei ältere, um Hüfte und Taille recht „kuschelige“ Herren auf ihren Laufbändern, die sie auf 4km/h gestellt haben. Das entspricht der Geschwindigkeit eines Stadtbummels. Der eine liest nebenbei die FAZ (offenbar mag er die TV-Programme auch nicht). Der andere, ebenso hals- wie haarlos, schafft es ob seiner unverhohlenen Begeisterung für die Handspiegelchen-Jongleuse kaum noch, mit dem Band Schritt zu halten. Er trägt ein dunkelblaues 3-Streifen-Outfit, und ich wette, darunter verbirgt sich irgendetwas aus weißem Feinripp. Jetzt hat er sich aber offenbar sattgesehen und wendet sich der Ecke mit dem „schweren Gerät“ zu. Auch ich gucke mal, was es dort zu Gucken gibt.

Ja, schon viel besser: Hier stehen nämlich die ganz durchtrainierten Zeitgenossen und -genossinnen, die jede Bewegung ihrer gestählten Körper im Spiegel kontrollieren und die Sache wirklich ernst zu nehmen scheinen – sehen schon toll aus diese austrainierten Jungs und Mädels, die scheinbar mühelos irgendetwas durch die Luft schwingen, das ich wahrscheinlich nicht mal 5 cm anheben könnte, ohne zur Lachnummer zu werden. Für mein bei diesem Anblick schwächelndes Selbstbewusstsein wäre es jetzt gut zu wissen, dass diese Prachtgestalten total hohl im Kopf sind, aber ich fürchte, die meisten sind es nicht. Ich stelle meinen X-Trainer rauf auf Stufe 15, erhöhe meine Geschwindigkeit und besinne mich auf den eigentlichen Zweck meines Besuchs. Auf dem zweiten Bildschirm von links läuft mittlerweile eine Reportage über Mittelamerika. Die schaue ich mir jetzt mal an.

Nach einer guten Stunde aktiven Schwitzens und Guckens, in der ich laut „Boardcomputer“ 540 kcal verbrannt habe, vollbringe ich auch diesmal das Wunder, unversehrt dem Cardio-Geräte-Dschungel zu entkommen. Gen Dusche strebend passiere ich wieder den Tresen. Die Barhockergesichter kenne ich mittlerweile schon. Das eine oder andere davon habe ich in den sechs Jahren meiner Mitgliedschaft noch nie auf einem der Geräte gesehen … die frönen offensichtlich einem anderen Sport.

Zurück in der Kabine treffe ich auf ein Dutzend halb oder ganz nackter Frauen aller Formen und Größenklassen, die sich in Kleingruppen oder zu zweit intensiv über ihr Privatleben austauschen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ihnen jeder zuhören kann. Was man da so alles erfährt …. aber das ist ein Thema für sich, über das ich demnächst mal etwas schreiben werde. Ich steige also schweigend unter die Regenwald-Dusche, packe meine Sachen zusammen (sehr langsam, weil die Musik aus dem Lautsprecher gerade so schön ist) und mache mich mit einem fröhlichen Tschüss auf den Weg zurück ins richtige Leben und an meinen PC. Antwort kriege ich keine. War ja klar, aber ich gebe nicht auf, niemals 😉

Neulich auf der Konstabler

13 Dienstag Jan 2015

Posted by anette quentel in Beobachtungen, Konstabler Wache, People & Places

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Anette Quentel, Blog, Konstabler

Samstag, 10. Januar 2014. Es ist noch Winter, aber das Wetter fühlt sich an wie Frühling: 12°C, ein warmer Wind, Sonne-Wolken-Mix. Was also spricht dagegen, heute der eigentlich den Monaten März bis Oktober vorbehaltenen lieben Gewohnheit des samstäglichen Weinchens nach dem Einkauf auf dem Konstabler Markt nachzugehen? Nichts! Also stehe ich nach dem Kauf tierpolitisch völlig korrekter Beine von ehemals glücklichen, aber heute trotzdem toten Maishähnchen in zweiter Reihe am großen Weinstand – dem mit den guten Rieslingen. Offensichtlich und wenig überraschend bin ich nicht die einzige, der es warm genug ist, um im Freien Wein zu trinken.
Mein Lieblingsriesling (Kalkstein) ist aus, aber es gibt eine Alternative: Kalkmergel – ok, den nehme ich. Mit meinen Hähnchenbeinen in der einen Hand, dem großzügig eingeschenkten Glas in der anderen, einem etwas überdimensionierten Blumenstrauß unter dem Arm und meiner ebenso überdi-mensionierten Handtasche über der Schulter (man weiß ja nie, was man auf der Reise durch die City so alles braucht) kämpfe ich mir einen Pfad durch jene, die schon früher auf die Idee gekommen sind, hier Halt zu machen.
Gefühlte 27 „‘tschuldigungs“ später habe ich ein freies Plätzchen an einem der Stehtische gefunden und richte mich erst Mal ein: Die Geflügelbeine versenke ich in der Handtasche, diese unter dem Tisch, der Blumenstrauß wird obendrauf platziert, wo er auch gleich die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf sich zieht, der die Unversehrtheit seines Prosecco-Glases gefährdet sieht. Als er merkt, dass ich beim ersten Wein bin, also meine Feinmotorik noch einwandfrei funktioniert, ist er beruhigt und wendet sich wieder seinem Freund zu, um diesen erstmal intensiv zu küssen. Ich wende mich diskret ab und meinen Nachbarn zu, einem jungen Paar, das über zwei Apfelweinen über die Pegida redet.
Sie beunruhige das nicht besonders, meint sie lieb lächelnd, das sei doch eine Randgruppe, die bald wieder verschwände. Er ist eindeutig anderer Meinung, beschließt aber, das jetzt nicht auszudisku-tieren. Wahrscheinlich fürchtet er um den Wochenendfrieden. Ich werfe ihm einen mütterlich-verständnisvollen Blick zu, auf den er mit einem fast unmerklichen Schulterzucken reagiert, und beäuge die anderen Leute am Tisch – ich habe einen der beiden großen erwischt, an dem mit etwas gutem Willen gut zwölf Personen ein Stehplatz finden. Als erstes bleibe ich an einer Dreiergruppe hängen: ein Paar, etwa Mitte dreißig, begleitet von einem Mann, etwa vierzig, der, während er sich mit seinen Freunden unterhält, durch die Gegend guckt. Wartet er auf jemanden oder ist er auf der Suche nach Blickkontakt? Aus reiner Neugier teste ich das mal und lächle ihn an. Er lächelt zurück und berichtet kurz später, sich immer wieder vergewissernd, dass ich auch wirklich zuhöre von seiner Morgentoilette. Er habe sich heute Morgen die Haare gekappt und ihn die Abschnitte würden ihn jetzt noch überall kitzeln. Will ich das wissen? Nicht wirklich. Ich versuche, meine Mimik unter Kontrolle zu halten. Der Mann hat eine ausgeprägte Stirnglatze, der klägliche Rest auf seinem Kopf ist auf 2mm herunterrasiert (offenbar das Ergebnis des morgendlichen Verschönerungsversuchs). Die Bemerkung, dass andere Menschen mit dünnen Haaren viel Geld für „Schütthaar“ ausgäben, verkneife ich mir. Ich glaube, ich will mich heute nicht unterhalten, nur gucken und lauschen.
Unterdessen dringt das laute Organ einer stark geschminkten Frau mit Prada-Brille, falschem Nerz und sehr großen Ringen an den Händen (irgendetwas zwischen Mitte Fünfzig und Mitte Sechzig) zu mir durch. Sie steht mir gegenüber, offenbar mit ihrem Mann/Partner, einem befreundete Paar und ihrer Mutter (Familienähnlichkeit). Und sie ist so laut, weil Mom schwer hört. Ihr Partner wirkt ein bisschen gequält, die Freunde betont freundlich. Entweder war Mom heute nicht eingeplant, oder die bunte Dame nervt. Sie plappert von französischem Champagner, der kaum besser sei als der Prosecco hier (na ja …) sowie davon, dass es ja in 14 Tagen endlich in den Urlaub geht und setzt dazu an, von Sylvester zu berichten …blah-blah-blah. Ich blende sie aus und will weiterschauen, als sich eine kleine mollige Frau in einem noch molliger machenden Parka in die winzige Lücke zwischen dem Männerpaar und mir quetscht. Gezwungenermaßen, weil ihrem halbgegessenen Steakbrötchen ausweichend, wende ich mich ihr zu. Anders als ich hat sie offenbar große Lust, sich zu unterhalten und ich jetzt keine Chance mehr, ihr zu entgehen. „Wenisch Stände heut hier, net? Aber irgendwann müsse die ja au‘ mal Urlaub mache – die liesche bestimmt auf Hawaii am Strand und gebbe des viele Geld aus, des sie bei deene horrende Preise hier verdiene … also isch kaufe ja nett immer nur Bio, is alles viel zu deuer, aber neulisch, da hab ich ma Gadoffeln gekauft mit noch Erde dran, die habbe viel länger gehalte als die vom Supeemarkt … Isch bin mit meinem Sohn hier, der geht so gerne auf Mäkte – ei, wo ist der eichentlisch ….ach da isser ja.“ Ein hochgewachsener Mann schlendert auf uns zu, der irgendwie nordafrikanisch und wenig begeistert aussieht. „Hast Du was zum Esse gefunne, Schatz?“ fragt sie. „Ach, denn schau doch einfach noch ma. Des Steak is heut nett so gut, zu dünn geschnitte, die spare aber auch an allem.“ Der junge Mann verzieht sich. „Ja, also diese Gadoffeln, die wa‘n werklisch doll. Ach wissen Se, isch komm‘ ja net mehr so oft her, seitdem das isch in Dreieich wohn, aber die Mieten hier kann sisch ja auch keins mehr leisten …“ Irgendetwas in mir kann das Verschwinden des Herrn Sohn sehr gut nachvollziehen und ist neidisch auf ihn. Ich bleibe höflich, bin aber mächtig erleichtert, als sie nach zehn Minuten mit ihrem inzwischen wieder aufgetauchten Spross abzieht, wahrscheinlich in den nächsten „Supeemarkt“.
Als ich mich dem nächsten Grüppchen zuwenden will, trifft mein Blick den eines Mannes mit Hund und Helmut-Schmidt-Mütze, Alter zwischen 55 und 60 (Mann, nicht Mütze!), der mir bedeutet, ich solle lächeln. Was will der denn jetzt? Soll mich bloß in Ruhe lassen. Als ich die stumme und reichlich plumpe Kontaktaufnahme mit einem abschätzenden Grinsen quittiere, prostet er mir zu und wendet sich dann wieder seiner Töle und seinen drei Gesprächspartnern zu. Das war einfach.
Plötzlich fühle ich mich beobachtet. Ich folge dem Gefühl und entdecke am Nebentisch einen älteren Herrn in Lodenmantel und passendem Hut. Er steht mit ungerührter Miene da, vor sich einen Weißwein, und beguckt sich die Menschen – die männliche Ausgabe meiner selbst. Sofort lässt er den Blick weiterschweifen. Ich habe natürlich nicht das geringste Bedürfnis, ihn stumm zum Lächeln auf-zufordern, muss aber selbst schmunzeln, weil ich mich irgendwie ertappt fühle. Mittlerweile ist auch mein Glas leer. Weil mich ein zweites überfordern würde, packe ich meine Schätze zusammen und bahne mir den Weg zurück an die Theke, um das Leergut abzugeben. Schon meine Mom hat immer gesagt, man solle nicht andere Leute hinter sich herräumen lassen. Dabei komme ich an dem Mann mit Hund vorbei. Er raunt mir zu: „Ich hoffe, Sie kommen bald mal wieder“. Ob dieser Direktheit fallen mir als Reaktion nur ein spöttisches „Ja, sicher“, gefolgt von einem ungläubigen Kopfschütteln ein.
Für den heutigen Tag habe ich genug Menschen beguckt und belauscht. Ich ziehe mich zurück an den heimischen PC. Diese dreiviertel Stunde bietet ausreichend Stoff für einen Blogbeitrag.

Lass uns gute Freunde bleiben oder „Let me down easy“*

10 Samstag Jan 2015

Posted by anette quentel in (Zwischen)menschliches, Gute Freunde

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Anette Quentel, Blog

Schon mal gesagt oder gehört? Ich auch – sowohl als auch. „Gute Freunde bleiben“ … das klingt zunächst mal so, als würde sich gar nichts ändern. Und dennoch ist, sobald dieser Satz fällt, absolut nichts mehr wie es war. Er ist der Schlussakkord einer Liebe, die einer der beiden Beteiligten bis dato noch nicht als beendet betrachtet hat.

Warum sagen wir das dann? Weil es das Gewissen beruhigt? Ja, vielleicht auch das. Wer geht, weiß, dass er dem anderen wehtut, ob dieser das nun zeigt oder nicht. Das Freundschaftsangebot soll dem Abschied die Härte nehmen, die persönliche Verstauchung kühlen.

Ich wollte meine „Jungs“ immer wissen lassen, dass sie mir keineswegs egal waren, nur weil mir die Liebe abhandengekommen war, und dass sie nichts falsch gemacht haben. Sie waren immer noch die, in die ich mich irgendwann mal verliebt hatte, eben nur nicht mehr der richtige Partner für mich. Zudem war ich nie ein Fan von „Rosenkriegen“ (außer im Kino). Deshalb war mein „Lass uns Freunde bleiben“ auch Friedenszusicherung und Bitte um ein stressfreies Auseinandergehen. Mir stand weder der Sinn nach einer Diskussion der Schuldfrage noch nach dem Streit um den Toaster. Und ich wollte auch, dass sie an meinem Verhalten und meinem Umgang mit ihnen merken, dass es keine Hoffnung mehr gab. Bislang hat das immer funktioniert. Das ist aber vor allem den tollen Männern zu verdanken, die mein Angebot angenommen haben.

Das Freundschaftsangebot auszusprechen oder anzunehmen hat aber auch einen ganz praktischen Vorteil. Ich habe damit Lücken geschlossen, die jede Trennung reißt. Mit wem hätte ich denn Tennis spielen, Schränke aufbauen oder Theater/Kino/Oper besuchen sollen? Egoistisch? Nein, „win-win“, denn mit wem hätten denn die Jungs nach meiner Kündigung Tennis spielen, Schränke aufbauen oder Theater/Kino/Oper besuchen sollen?

Früher oder später haben wir natürlich alle jemand anderen gefunden, mit dem wir all dies (und vieles mehr) tun konnten. Und das ist gut so. Denn „Lass uns Freunde bleiben“ hieß für mich auch „Lass uns auf die sanfte Art auseinandergehen.“

Hinterfragt habe ich das erstmals, als ich selbst irgendwann das Angebot eines Übergans von der Liebe zur Freundschaft erhielt. Aus Sicht der Verlassenen, fühlte sich das plötzlich ganz anders an – degradiert und verschmäht. „Der spinnt ja wohl!“ so meine spontane Reaktion. Der Mann kann doch nicht ernsthaft glauben, dass ich ihm bei einer Pizza Geschichten aus meinem tristen Single-Leben erzähle, das er mir unfreundlicherweise beschert hat. Und er wird doch nicht etwa erwarten, dass ich ihn bei der Einrichtung seiner neuen Wohnung berate oder mir womöglich lächelnd anhöre, mit welch einer tollen Frau er dort einziehen wird – während ich in Einsamkeit meine Wunden lecke und ihn eigentlich nur zurückhaben will. „Warum sagt er sowas?“, habe ich mich gefragt. Um mich zu ärgern? Sicher nicht! Aus Mitleid? Nein danke! Gibt es noch Hoffnung? Quatsch, versteig Dich nicht in Illusionen!

Kurz und gut: Ich habe seine Hand ausgeschlagen und auf jeglichen persönlichen Kontakt verzichtet. Er hat ab und an angerufen, mir noch ein paar Mails geschrieben. Ich habe sie sehr kontrolliert und immer fröhlich beantwortet – bloß nicht zeigen, wie schlecht es mir geht. Die Nachrichten wurden immer seltener, enthielten immer belangloseres Zeug und irgendwann war Funkstille. Unterdessen war mein Leben voller Lücken, und häufig habe ich mich dabei ertappt, darüber nachzudenken, was er wohl tut, wie es ihm geht, wo er gerade ist, wen er trifft… Ich habe mich nächtelang in Spekulationen verstiegen, leise weinend und laut greinend nach Gründen für die Trennung gesucht, darüber nachgegrübelt, ob es doch noch Hoffnung gegeben hätte, mit mir selbst die Schuldfrage diskutiert, meinen Toaster an die Wand geworfen, abwechselnd ihn und mich gehasst, und mir Fragen gestellt, die nur er hätte beantworten können.

Erst als sich der erste Grind auf meinen Wunden gebildet hat und die blauen Flecken auf der Seele allmählich gelb wurden, ist mir bewusst geworden, dass er genau das gleiche getan hat, wie ich in früheren Fällen – und damit wahrscheinlich auch genau das gleiche wollte: Auf die sanfte Art auseinandergehen.

Noch heute tut es mir leid, uns diese Chance vermasselt zu haben, und ich bin seitdem umso fester davon überzeugt, dass ein „Lass uns Freunde bleiben“ der richtige Weg ist, voneinander Abschied zu nehmen.

*Song von Mick Hucknall auf der LP „American Soul“

Nizza zu dritt

06 Dienstag Jan 2015

Posted by anette quentel in Nizza 12/14, Reisen

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Anette Quentel, Blog, Nizza, Quentel

Montag, 29. Dezember 4:50 Uhr. Was für eine unchristliche Zeit – selbst für ein „Huhn“ wie mich, dem überzeugte Langschläfer eher suspekt sind. Nach einer extrem kurzen Nacht (Sind vier Stunden überhaupt schon mit gutem Gewissen Nacht zu nennen?) und den üblichen letzten Reisevorbereitungen wie Duschen, Kaffeetrinken, Heizung herunterregeln und Müll wegbringen, mache ich mich gegen sechs Uhr auf den Weg nach Nizza, zu einem dreitägigen Kurztrip, um mich mit Freunden zu treffen. Das Taxi passiert den Irish Pub an der Kurt-Schumacher-Straße, dessen offene Tür nicht nur den Blick auf einen sehr furchtbaren in psychodelischen Farben blinkenden Plastikweihnachtsbaum freigibt, sondern auch den Blick auf einen jungen Mann freigibt, der mit einer seltsam aufrechten Kopfhaltung und undefinierbarem Blick seinem Kumpel an der Theke mit einer klaren Flüssigkeit zuprostet. Form und Größe des Glases lassen nicht auf Wasser schließen. Ob sie wohl die Restgäste des gestrigen Abends oder die Erstgäste des heutigen Morgens sind? Egal: „Prost Jungs!“ In der Berliner Straße steigt Ralf zu mir ins Taxi, dessen Flieger zur gleichen Zeit startet wie meiner nach Nizza – ein purer Zufall, der uns den halben Taxipreis sparen lässt.

Es schneit leicht, die Straßen sind fast leer. In der vorüberquietschenden Straßenbahn sitzt eine einzige Frau. Sie sieht müde aus. Ich sicher auch, aber mittlerweile fühle ich mich hellwach. Im Radio laufen die Nachrichten. Irgendwo ist ein Flugzeug abgestürzt – ein beruhigender Gedanke, auch wenn es mir für die Familien der Opfer leidtut. Beruhigend, weil noch nie zwei Flugzeuge an einem Tag abgestürzt sind. Der Flughafen präsentiert sich noch im Weihnachtskleid. Alles glitzert und tönt besinnlich. „Weihnachten wird überbewertet“, hat mir kürzlich ein Freund geschrieben – von wem, frage ich mich. Entweder man ist ein Fan und freut sich auf die Zeit, oder man weiß von vorneherein, dass es stressig oder auch öde wird. Mein Weihnachten war vornehmlich einsam und ziemlich langweilig, aber das habe ich vorher gewusst,  und ich habe es überlebt.

Ralf und ich sind ein bisschen zu früh dran, weil zu dieser Zeit am Flughafen noch nichts los ist und sich unsere Erwartung langer Schlangen erfreulicherweise nicht erfüllt. Also trinken wir noch einen Kaffee zusammen. Unsere Gates liegen fast nebeneinander. Dann geht jeder seines Wegs. Hat durchaus etwas Symbolhaftes und wäre eine gute Schlussszene für einen Film ohne Happy End. Trotzdem lächelnd mache ich mich auf den Weg zum Flieger und erhasche beim Einsteigen einen Blick ins Cockpit. Der Pilot ist sehr jung, hat einen kahlen Kopf und große abstehende Ohren. Sicher hat er seine Karriere als Segelflieger begonnen. Der Mittelgang im Flieger ist verstopft, und bis man mich bis zur Reihe 19 durchgeschoben hat, gibt es keinen Platz mehr in den Gepäckfächern. Ich stehe ein bisschen ratlos herum, schiebe lustlos ein paar fremde Jacken hin und her, halte so die ganze Schlange hinter mir auf (erste knurrende Laute sind zu vernehmen) und wende mich dann an einen weiblichen Engel der Lüfte, der mich seit drei Minuten untätig beobachtet. Vielleicht ist sie einfach nur müde, was ich angesichts der Zeit durchaus verstehen kann, aber so müde, dass sie mein Koffer-Unterbringungsproblem nicht erkannt hat, kann sie eigentlich nicht sein. Also werte ich es mal als Unlust – soll vorkommen. Auf meine ausdrückliche Bitte um Hilfe hin bewegt sie sich mit routinierter Grazie auf mich zu und bequemt sich tatsächlich, ein bisschen Platz im Gepäckfach zu schaffen – lustlos, wusst‘ ich’s doch. Mein „Danke“ wird mit einem professionellen „gerne“ quittiert, das sich auch in Restaurants zunehmend breit macht und mir allmählich ganz schön auf den Senkel geht. Hin und wieder verwirre ich die Gerne-Roboter mit der Frage „Wirklich?“, was häufig lustige Reaktionen auslöst. Hochheben muss ich den Koffer selbst. Vor zwanzig Jahren wäre mir sicher irgendein junger Mann helfend zur Seite gesprungen. In zwanzig Jahren wird das wieder so sein, wenn auch aus anderen Gründen. Bis dahin stemme ich meine Koffer halt allein.

„Abflug um 7 Uhr 30“ stand überall, aber das war eine glatte Lüge. Zuerst galt es, die Fliegerflügel zu enteisen, was etwa 30 Minuten dauerte, dann war kein Abflug-Slot frei, was weitere 15 Minuten kostete. Dann endlich in der Luft. Als Snack gab es wahlweise Joghurt oder Sandwich – habe beides abgelehnt und mich auf einen Plastikbecher totes Wasser beschränkt (das gestrige Dinner im Hessischen Hof war reichhaltig). Nach etwa einer Stunde gab es heftige Turbulenzen, die der einen oder anderen Passageuse einen kleinen Kiekser entlockten – très charmante.

Nach einer unspektakulären Landung begrüßen mich ein himmelblauer Himmel, sehr sonniger Sonnenschein, Segelboote vor der Küste, Palmen an der Promenade, alles in einen goldenen Farbton getaucht: Wintergold. Südfrankreich, wie man es sich vorstellt, allerdings in einer ziemlich kalten Ausführung.

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Es herrschen gefühlte 5°C. Ich werde in einem ziemlich neuen und ziemlich großen schwarzen Mercedes die Küste entlang in gen Hotel chauffiert – von einer jungen Frau, die mich auf Französisch anspricht (wie auch sonst; wir sind in Frankreich). Ich höre mich auf Französisch antworten und staune über mich selbst. Die Sprache fühlt sich zugleich fremd und vertraut an. Die Karosse ist überheizt, aber die Kleene trägt einen von diesen Michelin-Männchen-Mänteln, in denen man selbst mit Größe 34 wie eine Tonne aussieht. Ich mache irgendeinen Scherz, den sie offenbar versteht und der sie zum Lachen bringt. Mein Lachen findet hingegen ein jähes Ende, als sie mich nach etwa 3km Fahrt vor dem Hotel West End abliefert und mir dafür 40 Euro abverlangt. Das sei unüblich teuer, meint kurz darauf auch der nette etwas zu kurz geratene Silvio am Empfang im Hotel. Hmmm, vielleicht hätte ich nicht das Designermäntelchen anziehen sollen. In so etwas wirkt man wohlhabender als man ist. Monsieur Silvio hat für mich die Mitteilung, dass mein Zimmer erst um 15 Uhr fertig sein wird, was ich mit einem kurzen gut gesteuerten Stirnrunzeln, gefolgt von einem duldenden Lächeln hinnehme. Er registriert natürlich, dass mir das nicht gefällt. Dann kommt wieder diese Frage, die ich irgendwie nicht mag: „Sie reisen alleine, Madame?“. Meine Antwort: „Oui, malheureusement.“ (zu Deutsch „unglücklicherweise ja“) scheint Mitleid zu erwecken – muss ich mir merken. Er telefoniert kurz und organisiert mir ein Zimmer, das schon bezugsbereit ist, und begleitet mich noch rauf in eine für deutsche und andere europäische Verhältnisse winzige Stube. Zum Glück bin ich nicht voluminös. Angesichts der Enge empfinde ich es für einen Moment als ganz angenehm, dass Madame allein reist ….

Jetzt mache ich mich auf den Weg zu Christian und Jon, die im Negresco-Prachtbunker nebenan wohnen, und mir schon eine SMS geschickt haben, wo ich denn bleibe…

Immer noch Montag, 29. Dezember, aber nicht mehr lange Am Nachmittag sind wir an der Promenade entlang und dann in der Altstadt herumspaziert. Viele lächelnde Menschen. Alle wirken entspannt. Zu sehen gibt es eine Unzahl kleiner Lädchen mit mehr oder weniger interessantem Angebot, aber auch viele schöne kleine Plätze und tolle alte Häuser. Die Verkäufer sind überhaupt nicht aggressiv, sondern warten bescheiden auf Kundschaft. Ganz anders die Gästeeintreiber der Restaurants. Ich erklärte etwa 12 Mal in mindestens drei Sprachen, dass wir schon gegessen haben. Das war zwar gelogen, aber ein Totschlagargument. Chris und Jon haben einen Kühlschrankmagneten mit ihrem Hotel drauf als Souvenir erstanden. Mir war nicht nach Andenken-Shopping, bin ja gerade erst angekommen und wer weiß: Vielleicht möchte ich mich ja später gar nicht an die drei Tage hier erinnern. Von der Altstadt aus haben wir uns den Colline du Chateau hinauf gearbeitet, den Hausberg von Nizza, der einen Park und viele schöne Aussichten bieten soll (viele Treppen). Auf dem Weg nach oben ein kurzer Abstecher auf einen jüdischen Friedhof. Es war ganz still und schön schaurig. Die Toten werden hier nicht unbedingt in der Erde sondern häufig in marmornen Gruften aufbewahrt, was den Friedhof fast wie eine kleine Stadt wirken lässt. Auf vielen Gruften stehen Fotos. Wenn man sie eine Weile anschaut, bekommt man fast das Gefühl, man hätte den oder die Verstorbene(n) gekannt, und trauert ein bisschen mit.

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Nach einer Viertelstunde zogen wir weiter in Richtung Hügelkuppe, wo tatsächlich viele tolle Ausblicke aufs Meer, die Stadt und den Hafen warteten. Mittlerweile war es so warm, dass ich mich von etwas Stoff befreit (nur an den Schultern, versteht sich) und ein kleines Sonnenbad genommen habe – unter einem unverschämt blauen Himmel und bei einem guten Cappuccino vom Kiosk. Die Buben haben ein bisschen gespottet, aber das macht nichts.

Auf dem Rückweg dann die Beinahekatastrophe. An einem Aussichtspunkt erreichte mich die SMS von Simone, die sich erkundigte, ob ich noch vor dem großen Schnee aus Frankfurt herausgekommen sei. Ich habe ihr direkt geantwortet und mein iPad solange auf einer Mauer geparkt. Die Jungs waren schon vorweg gelaufen, so dass ich mich beeilt habe, um sie nicht warten zu lassen. Nach dem Abstieg (wieder viele Treppen) sind wir in einem französischen Restaurant in der Altstadt gelandet, das hausgemachte Foie Gras (tierpolitisch absolut inkorrekt, aber in der Regel sündhaft gut) und verlockende Desserts anbot – zwei gute Gründe zu bleiben. Kurz nach der Bestellung griff ich nach dem iPad, um nachzusehen, was ich so alles fotografiert habe – allein der Griff ging ins Leere. Das iPad war weg! Es folgte zunächst die übliche wilde Durchsuchung meiner Monsterhandtasche, in deren Tiefen so ein Gerät schon mal verloren gehen kann – diesmal leider nicht. Dann haben wir rekonstruiert, wann ich es das letzte Mal in der Hand hatte. Ergebnis: am letzten Aussichtspunkt.

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Ich hatte das kostbare Endgerät offenbar auf der Mauer liegengelassen. Chris meinte, ich könne mein weiß-goldenes Prachtstück getrost vergessen und fing an zu überlegen, über welche meiner Versicherungen man das abwickeln kann. Ich meinte aber, es gäbe so viele ehrliche Menschen auf der Welt. Vielleicht habe es ja jemand gefunden und irgendwo abgegeben. Jon hielt das für unwahrscheinlich, aber nicht für ausgeschlossen. Chris lächelte mitleidig, aber keiner hielt mich davon ab, den Haushügel ein zweites Mal zu besteigen (also nochmal viele Treppen). Als ich atemlos am Mäuerchen des Vergessens ankam, war natürlich nichts mehr zu finden. Nächste Station: der nahe Kiosk. Auf dem Weg dorthin stürzte ein etwa zehnjähriger Junge beflissen auf mich zu und fragte auf Deutsch, ob ich vielleicht mein iPad suchte. Ich sähe ein bisschen verzweifelt aus. Auf mein eifriges Nicken führte er mich zu seinem Vater, der berichtete, Holländer hätten mein Ei-Teil gefunden, den deutschen Spruch auf der Rückseite gelesen und ihn gefragt, ob es vielleicht seines sei. (An dieser Stelle bitte ich höchst offiziell alle Einwohner der Niederlande für meine vielen lästerlichen Bemerkungen über Wohnwagen, Käse und Heringe um Verzeihung.) Er habe das iDing dann im Restaurant auf der Spitze des Hügels abgegeben. Dort dort angekommen gab es mir die Kellnerin mit deutlichem Bedauern zurück – sehr verständlich, denn wenn ich nicht aufgetaucht wäre, hätte sie ein neues iPad gehabt. Glück gehabt, viel Organisationskram und eine Menge Geld gespart!

Das Beste an der ganzen Geschichte ist aber der Beweis, dass es tatsächlich noch ehrliche Menschen gibt. Zurück im Restaurant am Fuße des Hügels war Chris einigermaßen erstaunt und ich sehr glücklich. Seltsam, dass es glücklicher macht, etwas zurückzubekommen, dass man verloren geglaubt hat, als es gar nicht erst zu verlieren.

Wir haben dann mittelmäßig gut gegessen und uns gegen vier Uhr auf den Weg zurück zu den Hotels gemacht. Chris hatte sich die Hose mit der leider etwas zu fetten Foie Gras eingewutzt und wollte schleunigst aus ihr raus. Für später haben wir uns zu einem Gin Tonic bei Sonnenuntergang in einer kleinen Open-Air-Bar am Strand verabredet, die im Sommer bestimmt total überlaufen ist. Heute waren wir die einzigen Gäste. Am Strand schlenderten ein paar Unverzagte herum, die sich von Temperaturen von etwa 7° nicht ihre Lust an Meer und Strand vermiesen ließen, und ein paar Angler wurden in der untergehenden Sonne allmählich zu Scherenschnitten. Ja, ich weiß, eigentlich sehen alle Sonnenuntergänge gleich aus. Aber alle sind schön. Und sie sind voller Hoffnung, weil man sich sicher sein kann, dass die Sonne niemals für immer geht.

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Als uns kalt wurde, sind wir eine Stunde durch die Stadt gelaufen und haben am Bahnhof gecheckt, wann Züge nach Monaco fahren. Chris will da morgen unbedingt hin. Bei meinem letzten Besuch fand ich es dort „unspektakulär bis hässlich“, aber ich fahre trotzdem mit. Er hat einen Contest mit einem Kumpel laufen, wer die meisten Länder bereist. Bei ihnen gilt Monaco als Land.  Als Beweis zählen einschlägige Fotos. Ich bin sicher, es wird ihm dort auch nicht sonderlich gefallen, aber das gehört zu den Dingen, die man selbst erfahren muss.

Den restlichen Abend haben wir bei Weißwein, korsischem Käse und Schinken in einer Weinbar am Rande der Altstadt verbracht. Es gab leckeren Sancerre für ein unverschämtes Geld, aber egal. Mein Hotel war ja relativ günstig. Seit elf bin ich wieder in meiner Puppenstube (ziemlich nüchtern, aber todmüde nach der vielen Herumrennerei), und habe feststellen müssen, dass die hier ziemlich gut heizen und man die Temperatur nicht selbst regeln kann. Wegen der bitteren Kälte ist ein offenes Fenster allerdings keine Option, weil mir sonst vermutlich der Tod durch Erfrieren droht. Also: Fenster zu und auf der Decke schlafen.

Dienstag, 30. Dezember, 7 Uhr 30 Das mit dem Einschlafen ging ratzfatz, zumal es hier nur französische Fernsehsender gibt, und ich mich sehr anstrengen muss, um der Handlung zu folgen. So toll ist mein Französisch nämlich doch nicht mehr, wie ich nach dem gestrigen ersten Überschwang schnell gemerkt habe. Trotzdem macht es Spaß, ein paar Tage dreisprachig zu kommunizieren. Jon spricht kein Deutsch, so dass wir zu dritt immer Englisch reden. Wenn er kurz weg ist, sprechen Chris und ich natürlich Deutsch, und mit den Franzosen hier versuche ich es auf Französisch.

Nach einem wie immer ziemlich furchtbaren Instantkaffee, den mir das Hotel nebst Wasserkocher gratis zur Verfügung stellt, warte ich jetzt auf den sicheren Sonnenaufgang, den ich sogar von meinem Bett aus bewundern kann. Das Hotel liegt an der Küstenstraße, die sich gerade belebt, und an der Promenade sind schon die ersten Jogger unterwegs (das sollte mir mal einfallen). Nachher brauche ich wohl die Hilfe von Silvio von der Rezeption. Der wunderbar antike Safe ist so sicher, dass ich ihn nicht mehr aufbekomme. Ich bin aber überzeugt, dass mir geholfen werden kann. Der Raucherin in mir ist hier hingegen gar nicht zu helfen, weil im Hotel Rauchverbot herrscht und mein „Balkon“ ein „französischer Balkon“ ist, also eigentlich gar keiner, sondern ein halbhohes Gitter vor dem bodentiefen Fenster. Macht nix – nicht rauchen ist auch ok.

Zur Abwechslung mal ein Sonnenaufgang ... aus dem Zimmerfenster

An der Kundenfront ist es ruhig, obgleich doch gestern ein Arbeitstag war. Wahrscheinlich geht es erst in der nächsten Woche wieder richtig los. Ob die alle in Nizza sind? Die Stadt und die Promenade sind am Tage nämlich brechend voll.

Um viertel nach acht kommen die Buben zu mir ins Hotel zum Frühstücken.

Dienstag, 30. Dezember, 23 Uhr Der Kellner hat heute Morgen ein bisschen seltsam dreingeblickt, als ich ihm sagte, die beiden Herren seien meine Gäste – einen Penny für seine Gedanken ….

Nach der Stärkung an einem Buffet, das abgesehen von der Tatsache, dass es Rühreier aus dem Tetrapack gab, keine Wünsche offen ließ, machten wir uns auf den Weg nach Monaco. Der 2,8km² kleine Stadtstaat mit seinen etwa 37.000 Einwohnern, von denen ungefähr 80% auf Nicht-Monegassen entfallen, ist in den letzten Jahren nicht schöner geworden. Ein Haus neben steht dem anderen und es gibt viele Autos (darunter allerdings ein paar wirklich schöne Exemplare, die man selten sieht), deren Fahrer die Verkehrsregeln frei interpretieren. An unserer ersten Station (Hotel de Paris und Casino) schoss Christian gleich mal die Beweisfotos für seinen Kumpel.

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Dann sind wir das Küstensträßchen entlang nach unten an den Hafen gelaufen, um festzustellen, dass Weihnachten hier etwas länger dauert als üblich. Der Weihnachtsmarkt war noch in vollem Gange – eine spannende Sache für Jon, der Philippine ist und in Singapur lebt. Auf dem Weg haben wir mal einen scheuen Blick auf die Immobilienangebote geworfen und festgestellt, dass wir uns selbst dann kein 50m²-Appartment in Bestlage leisten können, wenn wir alle unsere Rücklagen zusammenwerfen würden. Macht aber gar nichts. Hier würde eh‘ keiner von uns wohnen wollen. Die Tatsache, dass es auf dem Weihnachtsmarkt zwar keine Mohrenköpfe gab, aber dafür einen Stand, der flaschenweise Champagner verkaufte, und das Snackangebot an Austern mit Chablis hat uns in dieser Meinung nur bestärkt. Glühwein gab es aber auch, und den haben wir gekostet – war lecker.

Hier will keiner wohnen

Mit ein bisschen Überredung ist es mir dann gelungen, die Buben, für einen Aufstieg in die Altstadt und zum Grimaldi-Domizil zu gewinnen. Sie haben zwar etwas gemurrt, waren dann aber froh, die sportliche Einlage ertragen zu haben. Enge Gassen gibt es hier zwar auch, aber die sind pittoresk und nett anzusehen. Wenn man sich hindurchgezwängt und allen Andenkenverlockungen wiederstanden hat, wird man mit einem tollen Ausblick belohnt. Nach einer kleinen Stärkung haben wir (auf Wunsch von Chris) einen Abstecher zum Grab von Gracia Patricia gemacht.

Belichtungsfehler

Dann haben wir uns das Ozeanographische Museum vorgenommen. Christian ist begeisterter Taucher. Zu sehen gab es unter anderem auch sehr große Aquarien (wenn auch nicht so große wie in Barcelona) mit fast allem, was das Meer so an Lebendigem zu bieten hat. Meine persönlichen Highlights waren das Quallen-Aquarium und der „Steichelzoo“, wo ich Baby-Haie anfassen konnte. Die waren regelrecht verkuschelt die kleinen Dinger und gebärdeten sich unter meiner Hand fast wie kleine Hunde – nur dass man hinterher nicht nach Hund riecht und auch kein Fell an den Klamotten hat. Vielleicht sollte ich mir einen Hai zulegen. Leider hatten die Herrchen und Frauchen der Haie irgendwas ins Wasser gekippt, das meine Haut gar nicht mochte. Meine Hände schwollen rot an und brannten ordentlich. Das ging aber schnell vorüber und trübt die Erinnerung keineswegs.

Zauberhaft

Nach dem Abstieg haben wir uns noch einen Glühwein gegönnt. Dann ging es per Zug wieder zurück nach Nizza mit dem Ziel, dort irgendwo ein spektakuläres Fisch- und Meeresfrüchte-Dinner einzunehmen.  Dummerweise haben wir uns verlaufen und sind auf der anderen Seite des Hügels gelandet, den wir gestern erklommen hatten. Für einen Weg, der eigentlich nur 20 Minuten dauert, haben wir über eine Stunde gebraucht. Dafür haben wir nun auch den östlichen Teil der Stadt gesehen und wissen, dass es dort aussieht wie in allen anderen Städten. Das Schöne an Nizza sind eindeutig die Altstadt, das Meer und der Colline du Chateau. Nach unserer Tageswanderung waren wir ziemlich k.o. und mächtig hungrig. Aber uns konnte geholfen werden. Wir entschieden uns für „Chez Freddy“ am Blumenmarkt (mit Free WiFi), das mit prächtigen Meeresfrüchte-Platten warb. Und genau so eine haben wir uns bestellt: Austern in verschiedenen Größen, allerlei unterschiedliche Muscheln, Krebse und Garnelenarten haben uns für alle Mühen des Tages entschädigt. Richtig geschlemmt haben wir und viel gelacht.

Nach den abschließenden Schokoladenfondants mit Eis und Sahne, dessen Kaloriengehalt etwa einem Silvestermenü für vier Personen entsprochen haben muss, waren wir alle drei so kaputt, dass wir uns eigentlich nur noch der Ordnung halber zu einem Absacker in die Bar vom Negresco geschleppt haben. Wenn Chris mich nicht eingeladen hätte, wäre das mit 21 Euro der teuerste Cocktail meines Lebens geworden. Die orange-pink-farbene mit zwei Alkoholika angereicherte Flüssigkeit war zudem unspektakulär, aber zumindest die Cocktailkirschen hatten Klasse.

Jetzt gehe ich erstmal wieder mit den Buben frühstücken. Der Kellner wird unseren Anblick heute sicher schon gewohnt sein und weniger drollig dreinblicken. Die Jungs reisen heute Mittag ab, ich heute Abend um sechs.

Mittwoch, 31. Dezember (Silvester) Den halben Tag allein in Nizza habe ich in der Altstadt verbracht und bin über den Blumenmarkt geschlendert.

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Ein Designerkleid habe ich nicht erstanden. Das war ja ursprünglich mal geplant, weil ich gegenüber dem Le Negresco, in dem Christan und Jon ihre müden Häupter abgelegt haben, mit der Wahl meines Hotels (direkt nebenan und mit nur einem Stern weniger) in zwei Nächten ganze 500 Euro gespart habe. Als Souvenir gab es statt Kleid ein Stück Honigseife für 4 Euro 50. Die steht dann später nicht rum und riecht zudem auch gut. Zum Abschluss meiner Kurzreise genehmigte ich mir noch eine noch lauwarme Tarte au Citron, die leider ungefragt durch die Zugabe von Sprühsahne und einer ebenso pappsüßen wie überflüssigen Kirschsauce zu einem „Kuchenteller“ aufgewertet wurde und mich um 8,50 Euro ärmer machte. Zum Flughafen habe ich dann den Bus genommen – für schlappe 6 Euro, um einem nochmaligen Nepp durch niedliche Taxischauffeusen in Polstermäntelchen zu entgehen.

Der Flieger war halb leer; offenbar haben die meisten Menschen am Silvesterabend bessere Einfälle, als wild durch die Gegend zu reisen. Auch deshalb bin ich überpünktlich gelandet – am vorletzten Gate des Flughafens in Frankfurt, um nach einer 20-minütigen Wanderung festzustellen, dass mein Koffer, den ich nach der Gepäckfachknappheit auf dem Hinflug diesmal aufgebeben hatte, am vorletzten aller Kofferbänder ankommen würde … sehr konsequent, finde ich. Taxen gab es genug, so dass ich schon vor neun in der heimischen Stube ankam. Die ganze Bude roch nach Gänsebraten mit Rotkraut. Irgendein Lüftungsschacht scheint durchlässig. In Anbetracht meines leeren Kühlschranks war ich froh, dass ich dank des üppigen Tarte-au-Citron-Menus nicht hungrig war.

Nach den üblichen Urlaubsnachbereitungstätigkeiten (Kofferleerung, Wäschewaschung) wollte ich mich für zwei Stündchen hinlegen und mir in Ermangelung anderer ernstzunehmender Optionen um zwölf das Jahreswechsel-Feuerwerk von Ralfs Balkon aus ansehen. Die Wohnung hat einen guten Blick in Richtung Fluss. Habe mir also den Wecker für halb zwölf gestellt, selbigen aber offenbar im Halbschlaf abgestellt. Geweckt hat mich die mitternächtliche Knallerei. Für den Spaziergang und die 86-Stufen-Erklimmung von Ralfs Wohnung war es da natürlich zu spät. Ist aber nicht schlimm, denn so bin ich der Gefahr entgangen, doch noch sentimental zu werden. Dafür war ich im Halbschlaf nämlich viel zu müde. In diesem Sinne: Happy New Year!

Fazit: Nizza ist selbst im Winter einen Kurz-Trip wert, auch Monaco hat schöne Ecken, und drei Tage zu dritt sind erheblich unterhaltsamer als acht Tage allein im Luxusbunker auf Rhodos.

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